Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1915)
- Date
- 1915-06-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der ewige Friede. 249 Wirkung geistiger Regungen und ebenso Ursache sittlicher Gesamtentwickelung. Und Lasson — für den Kenner seiner Weltanschauung ein sehr merkwürdiges Bild — geht hier Arm in Arm mit den Ethikern aus der Schule Darwins, für die der Friede Stillstand bedeutet und die nur aus dem Kriege die Erfüllung der Bestimmung des Menschengeschlechts erhoffen. Diese Bestimmung ist die Höherentwickelung der wertvollen Glieder der Menschheit. Sie kann sich nur durchsetzen und muß daher erfolgen durch Ausmerzung der schwachen Völker und den Sieg der starken. Der Unwert des ewigen Friedens und die Bedeutung des Krieges wird von allen diesen Ethikern natürlich durch eine ganze Fülle noch anderer Argumente bewiesen, und diese Argumente werden je nach ihren Grund־־ anschauungen anders formuliert. Gemeinsam ist ihnen allen, daß sie den Krieg an sich als eine Stütze in das Gebäude ihrer Sittenlehre aufnehmen und den ewigen Frieden als Ziel der Ethik nicht anerkennen. 3. Angenommen nun, wir entscheiden uns für die erste Anschauung, daß der ewige Friede eine sittliche Forderung sei, so erhebt sich die dritte Frage: Ist die Verwirklichung dieser Idee denkbar. Ist irgendwie Hoffnung vorhanden, daß innerhalb der Gesamtmenschheit ein dauernder Friede herrschen wird, der nie gebrochen wird. Nun auch hier stehen sich die Anschauungen schroff gegenüber. Man vergißt jetzt, wo wir mitten im Weltkrieg stehen, daß es eine schier unübersehbare Literatur gibt, deren Schöpfer in dem ewigen Frieden nicht eine Illusion, eine phantastische Hoffnung, ein in weiter Ferne winkendes Ziel sahen, sondern die der unerschütterlichen Überzeugung waren, daß unser oder eines der nächsten kommenden Geschlechter den Anbeginn dieser glücklichen Zeit schauen würde. Und hören wir auch nicht jetzt von besonnenen Schriftstellern, Politikern, Gelehrten und Dichtern die Meinung äußern, daß sie das Grauen dieses Krieges nur tragen könnten, weil sie der Erwartung leben, daß dieser Krieg der letzte aller Kriege