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Jeschurun · 1915-05-01 · Heft 5 (Mai 1915) · page 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 5 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
– (sequence 29)
Language
German
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Charakterbilder unserer großen Gesetzlehrer. 229 hat er etwas gesagt, das er nicht von seinem Lehrer gehört; als außerordentlich ist seine Heiligkeit, seine fromme Scheu (צניעות), wie seine Bescheidenheit hervorzuheben. Peinlich genau beobachtete er alle Gebote; ebenso hat er sich den Pflichten, die wir Gott gegenüber haben, freudig hingegeben. In Liebe hat er die Menschen der Thora und der Erfüllung ihrer Gebote näher gebracht; so hat er denn keinen auch nur annähernden Ersatz hinterlassen. ״Darum ist genau auf alle seine Worte zu achten״. — In edlem Selbstbewußtsein konnte der große Lehrer von sich sagen, daß er niemals auf eine Frage einen Bescheid gegeben habe, der sich nicht zugleich auf einen Beweis aus dem Talmud und auf eine Überlieferung von seinem Lehrer stützen konnte: eines dieser Momente allein habe er nie als genügend betrachtet, um danach eine gesetzliche Entscheidung zu treffen. Man darf nun nicht etwa von diesem Prinzip des Gaon auf eine Unselbständigkeit in seinen Meinungen schließen. Es handelt sich vielmehr um das Moment peinlicher Gewissenhaftigkeit dort, wo es die treue Wiedergabe der Überlieferung gilt. — Diese Gewissenhaftigkeit Jehudais, die nicht die eigene Forschung allein gelten lassen wollte, wenn sie nicht die notwendige Ergänzung in der Zustimmung der früheren Autoritäten finden konnte, ist für den Gaon charakteristisch. Gerade bei Bestimmung der halachischen Norm darf man sich nicht von einseitigen Gesichtspunkten leiten lassen, sondern muß die selbständige Meinung mit dem von anerkannten Lehrern Festgesetzten zu vereinigen wissen. Darum sprechen sich spätere Halachisten auch dahin aus, daß man selbst da, wo Jehudai eine Erleichterung in der religiösen Praxis getroffen hat, nicht in der Lage sei, gegen ihn zu entscheiden. Bei diesen hohen geistigen Eigenschaften, gepaart mit wirklichem Seelenadel und Charaktergröße, war Jehudai so recht geeignet, aus der großen Masse des gesetzlichen Stoffes des Talmud das herauszuheben, was für die Begelung des täglichen Lebens in Betracht kam. Denn das in der Gemara Niedergelegte bot nicht die richtige Handhabe für den minder Kundigen, um daraus die richtige Anleitung für die

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