Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292948--00740-2293983- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
224 Charakterbilder unserer großen Gesetzlehrer hindurch gearbeitet haben! Ihm hat unser Volk es zu verdanken, daß sein Geist hell und klar geblieben ist. Wenn alle Versuche, das jüdische Volk zu erniedrigen, mißglückten, so ist es das Verdienst des Talmuds. Mit einem Meer wird der Talmud verglichen; wahrlich ein treffendes Bild. Wie das Meer verbindet und zugleich trennt, so hat die gemeinsame Liebe zu der Väter Lehre die durch Länder und Meere getrennten Glieder des ״einzigen Volkes״ einander näher gebracht, jeden Unterschied von Ost und West, von Nord und Süd ausgeglichen. Aber auch eine Trennung, gleich dem Meere, bewirkte der Talmud. Dem jüdischen Volk allein eigentümlich, hat er dies geistig von den anderen Nationen getrennt und in seiner Eigenart bewahrt. Wie das Meer eine Insel, die es umspült, vor feindlichen Einfällen schützt, so hat der Talmud, die Geschlechter, die ihn hervorgebracht und ihre Kraft aus ihm sogen, vor dem ״Geist der Zeiten״ gehütet, ohne daß das Judentum darum die Fühlung mit der wahren Kultur verloren hätte. Wahre Kultur besteht ja vor allem in der Herzensbildung. Und diese hat der Talmud gefördert durch die Selbstverleugnung und Aufopferung, die sein Studium in ungewöhnlichem Maße erfordert. Das Wort unserer Weisen: ״Die Bundeslade trug und erhob ihre Träger״ hat sich in glänzender Weise an den berufenen Lehrern und Auslegern des Talmuds bewährt. Sie. die uns das einzige uns gebliebene Gut aller früheren Herrlichkeit gehütet und gewahrt haben, waren nicht nur Geistesfürsten, sondern leuchteten dem Volk auch voran als erhabene Vorbilder seltener Charakterstärke und Seelengröße. Die nachfolgenden Schilderungen sollen uns eine Anzahl der bedeutendsten Gesetzeslehrer vom Mittelalter bis zur beginnenden Neuzeit in ihrem Streben und Wirken vorführen. Sie sollen vor allem zeigen, wie sich ihr Charakter in der Verkündung ihrer Lehre und in der praktischen Bewährung im Leben spiegelt: I. Aus der Zeit der Geonim, Die vom Anfang des 7. bis zum ersten Drittel des 11. Jahrhunderts dauernde Periode der Geonim ist ein für die