Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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210 Der heilige Egoismus und das gottgesegnete Volk. vom Standpunkt der Moral ausscheiden. Dem natürlichen Urteil erscheint ja diese Form der Anteilnahme am Kriege als die tückischste und schmählichste. So ohne jedweden Anschein eines idealen Zieles, wo jede Möglichkeit entfällt, durch Auto¬ Suggestion in sich eine Begeisterung für die Ehre und Macht des Vaterlandes zu entfachen, kaltblütig den Massenmord als pekuniären Gewinn zu buchen, das erscheint uns als der Gipfel der Ruchlosigkeit. Der Opiumkrieg, den England gegen China geführt, gilt als der schimpflichste Krieg der neueren Geschichte. Er soll England mit ewiger Schmach bedeckt haben, weil die rein geschäftlichen Gründe so nackt und brutal zutage lagen. Aber immerhin, es führte doch Krieg und setzte die Kräfte der eigenen Landeskinder ein. Das findet auf Amerika keine Anwendung. Aber da nun einmal in der Politik die Moral ansgeschaltet sein soll und hier die Regel gilt: ״Erlaubt ist, was Einem nützt“, so mag auch das hingenommen werden. Die Vereinigten Staaten können sich darauf berufen, daß die Kriege zumeist und vor allem dieser Krieg aus wirtschaftlichen Interessen entsprungen ist. Und die Waffenlieferungen seien für das Gedeihen ihres Handels in dieser Zeit der Unterbrechung des Weltverkehrs von entscheidender Bedeutung. Dagegen läßt sich viel sagen. Weder für Frankreich noch für Rußland noch für Italien lag und liegt ein Lebensinteresse auf wirtschaftliehem Gebiete vor. Amerika hätte wohl durch entschiedenes Auftreten in Verbindung mit der Gesamtheit aller neutralen Staaten sich die Möglichkeit der freien Ausfuhr anderer Handels Objekte schaffen können. Aber wir wollen mit ihm nicht darüber rechten und von der Forderung der Betätigung moralischer Prinzipien im Völkerleben schweigen. Und ebensowenig wollen wir hier die Heuchelei brandmarken — es ist ja auch schon im umfassenden Maße geschehen — die in der Veranstaltung von Friedensgottesdiensten seitens eben derselben Männer liegt, die für diese Waffenlieferungen verantwortlich sind. Wir sagten schon oben, daß die Heuchelei, so verwerflich sie ist, noch immer nicht die letzte Stufe der Verworfenheit darstellt, weil sie den unbe-