Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heiige Egoismus und das gottgesegnete Volk. 209 mag dem Ministerpräsidenten das Recht zugestanden werden, auch die Berechtigung dieses Aktes des Egoismus zu proklamieren. Aber er unterstehe sich nicht, von einem heiligen Egoismus zu reden! Das Wort ״heilig“ brauchen wir in einem zwiefachen Sinne. Wir nennen heilig einen Menschen, der sich von den Genüssen der Welt zurückzieht, dem^Irdischen entsagt, und durch seine Enthaltsamkeit und seine Entsagungskraft gleichsam der Stufe des gewöhnlichen Menschen entrückt ist, hinieden schon im Jenseits lebt. Und wir sprechen von einem Heiligen auch dann, wenn er mitten im Wirbel des Lebens sich betätigt, aber in sieh die höchste Vollendung aller Tugenden verkörpert, als ein großer Meister überall Naeheiferung erweckt und all sein Sinnen und Trachten, sein Wollen und Wirken der Menschheit weiht. Wie unsere Bibel diesen Begriff der Heiligkeit geprägt hat, daß wir heilig sein sollen, wie Gott heilig ist, so kehrt diese Auffassung des Heiligkeitsbegriffes mehr oder minder in allen Religionen wieder. Uberall gehört es zum Wesen der Heiligkeit, daß der Eigennutz des Körpers und Geistes ausgeschlossen wird. Heiligkeit und Egoismus sind die schärfsten Gegensätze. Ein heiliger Egoismus ist eine contradictio in adjecto, ein Widersinn schlimmster Art. Mag sein, daß dieser Widersinn bei der Prägung des Schlagwortes beabsichtigt war. Aber unsere religiösen Begriffe und gar noch die höchsten unter ihnen sind uns zu teuer, als daß wir sie zu Antithesen mißbrauchen ließen. Und wenn das von so hervorragender Stelle aus geschieht, so können wir nicht entschieden genug im Namen unserer und aller Religionen gegen diese Tempelschändung Protest einlegen. Und nun: der Präsident der Vereinigten Staaten. Er hat ein anderes Wort der Welt geschenkt, daß ein Volk, das aus rein geschäftlichen Beweggründen für Milliarden den Kriegführenden Waffen schickt und so die mittelbare Ursache ist, daß Hunderttausende von Menschen getötet und in furchtbarster Weise verstümmelt werden, ein gottgesegnetes Volk ist. Wiederum soll hier die Beurteilung der Waffensendungen