Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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208 Der heilige Egoismus und das gottgesegnete Volk. Doch bleiben wir bei Salandra und seinem Worte vom heiligen Egoismus. Von vornherein sei bemerkt, daß wir auf eine Erörterung, ob der Egoismus im Verhalten der Völker zueinander berechtigt ist, nicht eingehen. Wir haben ja unsere Ausführungen mit der Erklärung begonnen, daß wir von der ethischen Forderung, die Moral sollte die Richtschnur für die Politik sein, völlig absehen. Und wenn auch diese Fiktion aufrechterhalten wird, indem jedes Volk der Meinung ist, oder der Meinung zu sein vorgibt, für die gerechte Sache zu kämpfen, so erscheint diese ethische Forderung doch in der Wirklichkeit ausgeschaltet. Und wir nehmen als gegeben an, der Egoismus leite alle Staaten bei der Verfolgung ihrer Ziele. Nur hat der Egoismus auch für den, der sich jenseits von Gut und Böse stellt, eine Grenze. Dort, wo es sich um einen Akt handelt, der außer aller Berechnung liegt, der in der Geschichte sich noch nie ereignet hat, wird ein solcher Egoismus auch in den Augen eines Egoisten zum Verbrechen. Angenommen, die Kriegspartei in Italien fasse das Verhältnis der Staaten zueinander auf, als das von Diebsgesellen und Mördern, die sich zusammentun, um über den Schwächeren her- Zufällen, ihn zu berauben und zu ermorden. Auch von diesem Standpunkt aus wäre das von Italien erstrebte Ziel ein Verbrechen, denn auch die Diebeszunft und Mörderbande hat ihre Moral, und der Verrat gegen den Spießgesellen wird als schlimmster Makel empfunden und geahndet. Doch von allen diesen Betrachtungen sei abgesehen. Uns erscheint der Plan und die Gesinnung der Interventionisten in diesem Lichte. Wir können uns nicht hinein denken in die Seele von Männern, die noch Menschen sein wollen und doch so zu handeln vermögen. Aber wir haben oft genug in früheren Aufsätzen betont, daß es unendlich schwer ist, sich in Wesen und Denkungsart eines fremden Volkes zu versetzen. Also als präceptor Germaniae zu gebärden, er fährt fort, sein Urteil über den rechten Charakter der Sittlichkeit abzugeben und hat die Stirn, auch jetzt das Judentum zu beschimpfen.