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Jeschurun · 1915-05-01 · Heft 5 (Mai 1915) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 5 (Mai 1915)
Date
1915-05-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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206 Der heilige Egoismus und das gottgesegnete Volk. handen, dergleichen zu verzeihen. Die Heuchelei ist zwar vom religiösen Standpunkt aus das gemeinste aller Laster; aber die Heuchelei ist, wie man mit Hecht gesagt hat, die Verbeugung, die das Laster der Tugend macht. Auch sie erkennt Hecht und Gerechtigkeit, die Grundideen der Sittlichkeit und Heligion an und kleidet sich daher in das Gewand der Tugend. Aber dieser Krieg, der in physischer Beziehung einer der grauenerregendsten ist, der in der Vernichtung von Menschenleben den Hekord geschlagen, hat auch in der Zerstörung der geistigen Werte nie Erlebtes und nie Geahntes gebracht. Von den Führern zweier Großmächte und von großen Schichten der von ihnen geleiteten Völker sind Schlagworte geprägt worden, die eine völlige Umkehrung aller religiösen und sittlichen Begriffe enthalten. Zum ersten Male ist das Schlechte und Gemeine edel und sittlich genannt worden. Man hat nicht versucht, niedrigen Bestrebungen einen Schein des Hechts anzudichten, sondern hat das verruchte Unterfangen, eine sittliche Tat genannt. Und noch mehr! Die höchsten Bezeichnungen, welche die Heligion kennt, die in Jahrtausende langer Übung geweihten Worte hat man mißbraucht, und auf eine Gesinnung, die von einem Tiefstand der Sittlichkeit zeugt, angewandt. Der Ministerpräsident Italiens hat vor den gewählten Vertretern seines Volkes in enscheidender Sitzung und in der bedeutsamsten Hede vom egoismo sacro, vom heiligen Egoismus gesprochen. Das steht fest. Und ebenso fest steht, daß darunter verstanden werden sollte und auch verstanden worden ist das folgende: Wenn Italien jetzt Österreich mit Krieg überzieht, um ihm einen großen Teil seiner Besitzungen zu rauben, selbst wenn Österreich dabei völlig zugrunde geht, so ist das ein Akt, der nicht nur aus Lebensinteressen erklärt oder entschuldigt werden kann, sondern der als heilig gepriesen werden muß. Dies Wort war keine Entgleisung. Dagegen spricht Ort und Zeit und vor allem der Charakter der ganzen Hede,

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