Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heilige Egoismus und das gottgesegnete Volk. 205 Mittel zur Erlangung des Sieges wollen. Zu verurteilen ist die sinn- und völlig zwecklose Verwüstung und Betätigung von Grausamkeiten, wie sie die Bussen ausüben. Alles, was sonst in diesem Weltkriege an grauenerregenden Dingen geschiebt, das soll man weder anklagen noch verteidigen. Die Belgier waren Narren, als sie dem gewaltigen deutschen Heere ihre Erauen und Künder entgegenschickten, aber sie waren keine Verbrecher. Ebensowenig freilich die Deutschen, als sie Gleiches mit Gleichem erwiderten. Was soll die Behauptung, daß England den teuflischen Plan hätte, unsere Säug-־ linge Hungers sterben zu lassen. Warum darf denn England das Deutsche Beich nicht als eine große Festung ansehen und mit uns tun, wie wir 1870/71 mit Paris getan? Aber ebensowenig bedürfen dann wir der Verteidigung, daß wir die Lusitania mit ihren Frauen und Kündern auf den Grund des Meeresbodens geschickt. Nur Geduld! die Geschichte wird immer grausiger, und wenn die Völker bei ihren gegenseitigen Anklagen sich heiser geschrieen, hören sie vielleicht mit den moralischen Betrachtungen auf. Und dennoch! Dies Hin und Her, die Anklagen und Verteidigungen, die Blau-, Bot-, Gelb-Bücher usf., die Noten, die an die Neutralen erlassen werden, die amtlichen und nichtamtlichen Erklärungen, die Preßfehden, der Streit in den Flugschriften, das alles hat doch einen Zug gemeinsam, der den religiös und ethisch empfindenden Menschen mit dem Zusammenbruch aller Kultur und aller Ideale etwas versöhnt. Es kommt da die Tatsache zur Geltung, daß der sittliche Maßstab in seinem unbedingten und nicht zu erschütternden Werte anerkannt wird, daß nicht allein die Handlungen der Menschen, sondern auch die der Völker an ihm gemessen werden müssen, so daß ein jeder den Versuch macht, sein Tun und Lassen vor diesem Bichterstuhl zu rechtfertigen. Auch dort, wo mit vollem Bewußtsein gelogen und gefälscht wird, wo man vorgibt, im Dienste einer edlen Sache zu streiten, während es sich um sehr menschliche, ja niedrige Beweggründe handelt, ist für den milden Beurteiler noch immer die Möglichkeit vor-