Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1915)
- Date
- 1915-05-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Der heilige Egoismus und das gottgesegnete Volk. Krieg erklärte und ihr Tripolis raubte, da fand man kein Wort der Entrüstung. England hat das Verfahren, mit dem es früher Spanien, Holland und Frankreich aus ihrer Yormachtstellung gedrängt, nun gegen uns angewandt. Ich erinnere mich nicht, in den landläufigen Geschichtsbüchern von der früher bewiesenen Ruchlosigkeit Englands allzuviel gelesen zu haben. Im Gegenteil, man hat seinen Anteil an der Niederwerfung des Korsen fast immer verherrlicht. Erst jetzt erinnert man sich daran, daß die Kriege Napoleons in gewissem Sinne Verteidigungskriege waren. Ich sehe nicht ein, warum wir, wenn wir einmal von der Voraussetzung ausgehen, daß in der Politik nur der Eigennutz der Völker zum Ausdruck kommt, ein Hecht darauf haben, uns gegen England besonders moralisch zu entrüsten. In Wirklichkeit entstammt ja der Haß gegen England einem anderen Gefühl, dem, daß nur geringe Aussicht vorhanden ist, es völlig zu Boden zu ringen und ihm an eigenem Leibe das heimzuzahlen, was es uns getan. Wie denn auch das völlig unangebrachte sentimentale Mitleid mit dem zum mindesten ruchlosenErankreich, nur aus dem Umstand zu erklären ist, daß wir ihm den Fuß auf den Nacken gesetzt haben und wir der Überzeugung leben, es werde seine Schuld restlos büßen müssen. Dies ganze törichte und unsachliche Verhalten zu den verschiedenen Völkern wird sehr gut illustriert durch den Scherz: Ein Kind wird gefragt: Warum sagt man denn: ״Gott strafe England?“ und nicht: ״Gott strafe Kußland?“ Es antwortet: ״Mit Kußland werden wir schon allein fertig“. Wie die moralische Beurteilung inbezug auf die Urheberschaft des Krieges nur von bedingtem Wert ist, so gilt das noch mehr von der Art der Kriegsführung. Ein jedenfalls sehr unverdächtiger Zeuge, Gustav Herve, hat ge־ legentlich unseres Vorstoßes gegen Ypern ausgeführt, es leuchte ihm nicht ein, warum die Tötung von Menschen durch giftige Gase ein größeres Verbrechen sein soll als wenn sie von Granaten zerrissen würden. Wer den Krieg und vor allem den Sieg will, der muß auch die besten und geeignetsten