Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 4 (April 1915)
- Date
- 1915-04-01
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Jacob Barth. bin jedenfalls für mich der Meinung, daß er im Einklang mit dem Gesamtgeist des Judentums steht. Als Resultat dieses Gesamtgeistes, wenn wir die Ausschreitungen und Übertreibungen der Allegoriker, Rationalisten und Mystiker gegeneinander kompensieren, ergibt sich für mich die Überzeugung: die Bibel ist nicht für uns ein Buch, wie der Koran nach Mohammed,, in das hier und da ein unsinniges Wort hineingestellt wird, damit bestimmte Stellen recht unverständlich werden und uns auf Kosten des gesunden Menschenverstandes die Wahrheit eingebläut wird: ״Versuchet doch nur eine solche Sure zu machen!“ — sie ist ebensowenig ein religionsgeschichtliches Dokument, in dem Gesetzgeber, Propheten und Dichter ihre Gedanken niedergelegt und in dem nun nichts Anderes enthalten ist, als was diese Männer aus dem beschränkten Gesichtskreis ihrer Zeit gesprochen. Sie birgt einen exoterischen und einen esoterischen Sinn. Sie ist in allen ihren Teilen einerseits für die jeweiligen Geschlechter gesprochen und geschrieben, die ihre Offenbarungen, Mahnungen, Lehren und Gesänge auf sich wirken lassen sollten^ sie ist aber andererseits darauf angelegt, daß auch die kommenden Geschlechter der folgenden Jahrtausende in ihr wiederfinden, was sie erregt und bewegt. Eine Methode, welche mit der subjektiven Auffassungsart einer bestimmten Zeit an die Bibel herangeht, welche ohne Kenntnis des Vorstellungskreises der alten Hebräer, der Gesetze ihrer Sprache, ihrer Sitten, ihrer Beeinflussung durch die Kultur ihrer Umgebung Exegese treibt und dabei der Meinung ist. nicht nur einen jSfebensinn des Bibelwortes eruieren zu können, sondern den Sinn, den alleinigen Sinn ist ebenso verfehlt wie die Auffassung, daß mit der Feststellung des Wortsinnes der Reichtum der Bibelsätze erschöpft ist. Mit anderen Worten: der דרש, der sich als פשט gibt, einerseits und eine Erklärungsmethode, die der Meinung ist, neben dem פשט wären nicht in der Bibel selbst Andeutungen gegeben, die den דרש fordern, andererseits, verstoßen beide gegen die Prinzipien, die der Gesamtgeist des Judentums für die Exegese angenommen hat.