Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 4 (April 1915)
- Date
- 1915-04-01
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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188 Jacob Barth. des Lebens, im Denken und Sprechen des Menschen sich kundgibt. Die Sprachforschung bietet aber noch mehr. Sie ist, wenn man von dem verhältnismäßig geringen Anteil, der auf die Denkmäler aus Stein, die Funde an Geräten u. ä. kommt, absieht, das einzige Mittel, um den Inhalt des Geisteslebens der Menschheit in den vergangenen Jahrtausenden zu erschließen. Man könnte vielleicht noch weiter gehen und sagen: die ganze Geschichte der vergangenen Jahrtausende können wir nur aus den Schriften und Aufzeichnungen der alten Völker wieder erstehen lassen, und diese Schriften sind eben nur richtig zu lesen auf Grund der Hilfsmittel, welche uns die Sprachforschung bietet. Sicher ist, daß in bezug auf die Erkenntnis der geistigen Bewegung innerhalb der Menschheit alles abhängt von dem rechten Verständnis für den Sinn der überlieferten Worte, ein Verständnis, das allein die Resultate der Sprachforschung ermöglichen. Die wichtigsten Wahrheiten sind oft in einzelnen Sätzen ausgesprochen, über deren Sinn man verschiedener Meinung sein kann. In bezug auf manche Lehren des Aristoteles hat das letzte Wort nicht der Philosoph, sondern der Philologe. Und um ein anderes noch bedeutsameres Beispiel zu bringen. Man erinnert sich des Streites um Babel und Bibel, der die ganze Kulturwelt in stürmische Erregung brachte. Es handelte sich um nichts Geringes! Kur um die Frage, ob der Anspruch des Judentums, als das Volk des Monotheismus zu gelten, zu Recht bestand. Die Entscheidung lag nicht zum geringsten Teil bei den Assyriologen. Wir mußten zu unserem Bedauern so weit ausholen, weil über alle diese Dinge auch im Kreis der Gebildeten geringe Kenntnis herrscht und weil auch vielen, für die diese Zeitschrift in erster Reihe bestimmt ist, und die an sich befähigt sind? aus den primären Quellen des Judentums zu schöpfen, die fleißig ״lernen“, denen Talmud und Midrasch offen steht, für die grundlegende Bedeutung der wissenschaftlichen Sprachforschung das rechte Verständnis fehlt. Das war, wie dem Kundigen bekannt, nicht immer so. Die geschichtlichen Ur- Sachen darzulegen, ist hier nicht der Ort. Genug, die Juden.