Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 4 (April 1915)
- Date
- 1915-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Als Jude im Felde. 159 Zeitalter der Technik, der Zahl, wo die Statistik den Propheten ersetzt, wo die Hast den eigenen Lebensatem einschnürt, muß der Sinn für die innere Freiheit der Welt mehr oder minder verkümmern. Man erwartet den neuen Aufgang der Sonne, alles Geschehen in der Natur, wie das Funktionieren unserer modernen Riesenmaschinen. Man hat das Wundern verlernt, man kann das Wunder nicht erleben. Selbst in den Stunden tiefster Einkehr fehlt die letzte Trennung von gestern und morgen, von der Kausalität des Augenblicks, des eigenen Ichs: ״Stirb und werde“, der kategorische Imperativ auch des religiösen Erlebens wird nicht restlos erfüllt, bleibt Pathos, wird nicht zur Tat. Doch gerade dies Wunder der inneren Neugeburt, es ist Vorbedingung für die Denkbarkeit des Wunders der Welt, des gestaltend wirkenden Schöpferwillens. Ist es zuviel gesagt? Ich glaube, für Tausende war im Feld zum erstenmal das Wunder zum vollbewußten Erlebnis. Wie begrüßt man nach durchstürmter Nacht mit den Sinnen eines Neugeborenen die Wiederkehr des jungen Tags, wie ein nie erkanntes, unfaßbar göttliches Geschenk. Die Spannung zweitägiger Schlacht war von uns gewichen. Regungslos lagen wir da, das kleine, gerettete Häufchen, tot für alles, was um uns geschah, wenn es nicht dem Singen der Kugeln glich. Kein leiser Gedanke wagte, die bleierne Schwere zu lösen. — Doch was war es, was plötzlich den Atem befreite. In brennender Pracht glühte die Sonne da drüben empor, den Himmel entzündend. Kein Laut verriet das neue Leben, das in uns erwacht; doch man atmete auf, als die Glut sich gesättigt. Ich ermanne mich, wasche die Hände und spreche ברכות השחר, die Segenssprüche beim Aufgang der Morgenröte. Was wir damals erlebt? So rein und klar, gelöst von des Lebens kleinlichem Sorgenkreis, frei von selbst unbewußter Zweckhaftigkeit, war der Blick noch nie zum Firmament gewandert. Vor mir steht ein Gespräch. Gegen die psychologische Zersplitterung religiösen Erlebens sprach ich damals. ״Religion