Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 4 (April 1915)
- Date
- 1915-04-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Als Jude im Felde. falsche Beschuldigung müssen wohl auch einmal Zahlen zur Verteidigung dienen. Doch nur kein Prunken mit dem, was uns im Innersten als selbstverständlich gilt. Nicht hierin erblicke ich unser Heil, nicht hiervon erhoffe ich eine Besserung des früheren Standes. Es ist ein Anderes: Der Krieg hat uns mit weiten Schichten der Bevölkerung in nahe persönliche Berührung gebracht, und wie mancher, der ohne jede Sympathie uns gegenüberstand, hat treue Freund- und Kameradschaft mit Juden geschlossen. Und was man im Schlachtenfeuer sich erkämpft, hat sicher stärkere Lebenskraft., als lendenlahme Rassentheorien und soziale Hetzereien. Daß wir selbst nicht wenig von dieser Gemeinschaft ge־ winnen, ist ohne Frage. Manch7 üble Angewohnheit wird verschwinden, manch unnötige Härte wird geschliffen, manche Schwäche erkannt und bekämpft werden. Unsere Eigenheiten, welche die Folge unserer Absonderung sind, werden noch mehr, als es durch die Berührung mit den nichtjüdischen Mitbürgern in Schule und Beruf geschieht, im Schützengraben und im Ge־ fecht gemildert, und so das Ebenmaß der seelischen Kräfte ge״ sichert, das für größere Leistungen Bedingung ist. II. Je mehr wir die Ungeheuerlichkeit dieses Krieges fassen,, je mehr wir seinem Schrecken zu erliegen drohen, um so be־ freiender erkennen wir die Fülle gebundener Lebenskraft, die er allein nur lösen konnte. Steht man in der Heimat noch oft unter dem Druck des Erlebten, draußen fühlt man schon stärker die Regungen, den Pulsschlag einer neuen Zeit, deren Wehen uns durchkreisen. Wie sie sonst auch;sich gestalten mag, die noch ungeborene neue Welt, eins wissen wir schon jetzt, religiöser wird sie werden. Nur weniges des so Erlebten läßt sich in den Rahmen dieses Aufsatzes fassen. Eins will ich erwähnen, was in unserer Zeit einigen Auserwählten nur gegeben war, doch im Felde wohl für jeden zur Wirklichkeit erweckt wurde: Der Sinn fürs Wunder, für das ewig-neue Wunder der Schöpfung. Er war uns verloren gegangen. Im