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Jeschurun · 1915-04-01 · Heft 4 (April 1915) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 4 (April 1915)
Date
1915-04-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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156 Als Jude im Felde. stößt mehr ah, als daß sie neue Liebhaber in die Reihen der Antisemiten treiben könnte. Es kommt hinzu, daß all die äußeren Momente, die unsere Stellung bei Vorgesetzten und Kameraden erschweren, mehr oder weniger in Wegfall kommen. Zwar sind die Anstrengungen im Feld bei weitem größer, als im schwersten Friedensdienst. Doch wie man die Größe der Strapazen nie recht schätzen kann, so auch nicht die Anpassungsfähigkeit des menschlichen Organismus. Hier aber bieten uns unsere höhere Intelligenz und unsere Naturanlage einen sichern Vorteil. Überhaupt beugt man sich in jeder Not vor der Kraft und Sicherheit höherer Intelligenz. Doch vor allem, wie versinkt das alles zu fast lächerlicher Niedrigkeit, vor der befreienden und einenden Kraft des einen Wortes Kameradschaft. Das ist die Luft, in der man atmet, ohne die man draußen nicht leben kann, so ungreifbar und unentbehrlich, so selbstverständlich, wie das ganze schlichte jeder Phrase fremde Heldentum dieser Zeit, dem nur andeutend Worte zu leihen ich mich nimmer vermesse. Wer fragt da viel nach Stand und Rang, nach Profession und Religion, nach Adelsbrief und Vorbestrafung; ob arm, ob reich, ob hoch und niedrig, ob Jude oder Christ, man steht nur Mensch zu Mensch in gleicher Not und Gefahr. Man fuhlts mit eiserner Notwendigkeit. Diese Kameradschaft ist das einzige Mittel, das Unerträgliche zu tragen. In solch klarer Höhenluft kann ein Antisemitismus nimmermehr gedeihen. Die Not erzieht zur wahrsten allumfassenden Tugend des ואהבת לרעך, sie räumt auf mit all dem Schutt einer falschen Zivilisation, der oft wahren Seelenadel verhüllt und erstickt. Doch — es kommt die Kehrseite der Betrachtung — wo der Seelenadel nicht vorhanden, wird er auch jetzt nicht entdeckt, wo er nicht siegen kann über die erste tiefe Verwirrung. In dem seelischen Tohuwabohu aber, das so viele ergreift, die ihr sittliches Bewußtsein nicht gekräffcigt und geschult, herrscht nur ein Trieb mit tierischer Kraft, der Trieb der Selbsterhaltung. Kein Wunder, man erlebt so manches Beispiel eines krassen Egoismus und, aus ihm geboren, Antisemitismus. Doch

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