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Jeschurun · 1915-03-01 · Heft 3 (März 1915) · page 46

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 3 (März 1915)
Date
1915-03-01
Page
– (sequence 46)
Language
German
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I;ס Biblische Motive in Goethes ״Faust“. liehe Gedanke der Liebe von Goethe im allgemeinen höher gewertet wurde, und so hat er für den Schluß der Dichtung, für die Erlösung seines Helden, mit Absicht den christlich ausgeschmückten Himmel des Mittelalters gewählt. Worte, wie: ..Und alle Verbrechen deckt die Liebe״ (Mischle 10,12) ״Ich bin es. der deine Vergehen auslöscht“ (Jes. 43,25) u. v. a.. die den besten Beweis dafür erbringen, wie auffallend der göttlichen Liebe in unserer Bibel gedacht wird, werden ja auch heute noch von berufenen Kennern, den christlichen Theologen, übersehen. Trotz seiner Bewunderung für das Alte Testament hat Goethe in ihm nur das Gesetz erblickt, ״das nach Liebe strebt“, während das Neue sie in weit höherem Maße den Sterblichen spende. So kann Faust sich noch kurz vor seinem Ende mit einem Mord belasten, der auch in seinem Motiv als ein Gegenstück zu Naboths Tötung betrachtet wird; doch auch dem unbedingtesten Anhänger der Goethe-Gemeinde erscheint die Episode, in welcher Philemon und Ba-ucis ihr gewaltsames Ende finden, für die Entwickelung der Idee durchaus entbehrlich und störend. Doch von solcher Divergenz abgesehen, können wir als Endurteil ruhig feststellen, daß der Gang des Faustdramas in seinem Ausgangs- und Zielpunkt bedeutungsvoll durch das biblische Buch beeinflußt ist. daß des Helden Kampf und Erlösung im Hiobbuche ihr unvergleichliches Vorbild und Muster gefunden haben. Jahrhunderte lag, so klagte Herder, das Buch Hiob in den Kammern der Menschheit verborgen, das Buch, das ״wenn es kein Fürst geschrieben hat, so doch eines Fürsten wert ist“. Aus dem Werk des unbekannten Dichters, der ״mit geflügelten Sprüchen seiner Weisheit und mit den Funken seiner raschen Seele diese stille Tat ersann, befeuerte und bekränzte“, wird sich, so verkündet er prophetisch, ״ein Palmbaum erheben, dessen Weihrauch manche Ohnmacht erquicken wird bis zum Ende der Zeiten.“ Ob Goethe in seinem Werke den Dichterträum seines Lehrmeisters erfüllt hat, können wir nicht entscheiden; gewiß ist, daß er der erhabenen biblischen Idee ein neues Ewigkeitszeugnis geschaffen hat. (Ein zweiter Artikel folgt.)

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