Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 3 (März 1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292946--00663-2293904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Biblische Motive in Goethes ״Faust“. 149 der Bibel ausgesprochen: ״Er ist Bildner des Lichts und Schöpfer der Finsternis, Er wirket den Frieden und schafft das Böse“. Hier wird also dem persischen Dualismus mit aller Entschiedenheit Gott als der alleinige Schöpfer aller Kräfte entgegengestellt. Man könnte einwenden, Goethe habe sicherlich nicht so tief in den jüdischen Quellen geforscht. Doch es ist die unbestrittene Eigenart des Genies, daß es auf den Weg der Wahrheit von außen geführt, aus eigener Kraft zu ihrem Ende dringt1). Die Abhängigkeit vom Buche Hiob hat er klar empfunden, da er sich in Gesprächen mehrfach darüber geäußert hat2). Seine tiefere Auffassung, die mit der jüdischen harmonieren dürfte, hat er in dem Ausspruch gegeben, daß man den Teufel ״als Folie des Monotheismus betrachten kann“; ferner auch in jenen Worten, mit welchen der Teufel selbst sein Wesen zu erklären sucht als ״Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Hat Gott der Herr ja auch in den oben angeführten Versen das Wesen und Wirken seines ״Gesellen“ im gleichen Sinne bestimmt. Einen Zweifel über den Ausgang der Prüfung lassen beide Bücher von vornherein nicht zu, und so werden beide Helden zum Erfolg geführt. Aber nicht ganz aus eigener Kraft. Hier wie dort wird menschliches Fehlen mit dem Mantel göttlicher Liebe bedeckt; in beiden Fällen schaut der himmlische Richter auf den guten Kern der irrenden Seele. Fausts Streben hat zeitweise in hohem Maße der Gewalt des Versuchers weichen müssen, Hiobs Frömmigkeit in dem Zweifel an Gottes Gerechtigkeit sich in Stunden heftigster Wallung von dem Pfad des Rechts entfernt. Sein Vergehen steht zwar in keinem Vergleich zu den Taten Fausts; doch Goethe hat mit bewußter Absicht die Schuld seines Helden gehäuft, um den Gedanken der ״Liebe von oben“ desto leuchtender hervortreten zu lassen. Auch diesen Gedanken fand er im biblischen Vorbild, wenn Hiob trotz seines Fehls von seinem Gotte ganz wiederhergestellt, und in den Vollbesitz seiner früheren Kräfte gesetzt wird. Zwar dürfen wir nicht verkennen, daß der Christ- A) Wir bringen später ein zweites Beispiel. ף Zu Eckermann siebe oben S. 145, zu Müller 17. Dez. 1829.