Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1915-03-01 · Heft 3 (März 1915) · page 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 3 (März 1915)
Date
1915-03-01
Page
– (sequence 36)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2292929-2292942-2292946--00654-2293895
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

140 Tierschutz nach jüdischer und griechischer Anschauung. Aufgabe betrachtet. ״Wie Gott barmherzig ist, so sei auch du barmherzig.“ Und der Gott der Bibel ist nicht nur der Schöpfer der Tiere, nicht nur ihr Erhalter, von dem selbst der Löwe ״brüllend seinen Fraß heischt“ (Ps. 104, 21), sondern auch auf sie erstreckt sich sein Erbarmen. ״Sollte ich mich nicht Ninives erbarmen“, so lautet der auch von neueren christlichen Theologen bewunderte Schluß des Buches Jona, ״in dem so viele Menschen sind, die nicht rechts und links unterscheiden können, und so viele Tiere?“ So soll sich denn auch ״der Gerechte seines Tieres erbarmen“ und sogar — wie im Anschluß an Deut. 11,15 vorgescbrieben wird — zunächst für die Nahrung seines Tieres, dann erst für die eigene sorgen. Zum Schluß noch eine kleine sprachliche Bemerkung. Seit der Zeit des Humanismus zeigt sich die Verachtung des Tieres — außer in der Zunahme verächtlicher Tiervergleiche, wovon hier nicht die Rede sein soll — in dem Bedeutungswandel mancher Worte: wir brauchen heute etwa die Worte Fell, Maul, Futter, fressen und saufen im eigentlichen Sinne nur vom Tier, während bekanntlich noch Luther meinte, der Übersetzer müsse den Kindern auf der Gasse ״aufs Maul sehen“. Darin scheint mir ein beachtenswerter Unterschied modernen und antiken Denkens zu liegen; denn der hebräische wie der griechische Ochse haben mit ihrem Munde gegessen und getrunken, wie ihre Herren. Unsere Betrachtung spricht dafür, daß der Fortschritt der Zivilisation das Gefühl des Abstandes zwischen Mensch und Tier stärker zu erweitern neigt, als im ethischen Interesse wünschenswert scheint. Ein Gegengewicht läßt sich nur finden in einer Naturbetrachtung wie der jüdischen, die uns zwar nicht ״Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen,“ wohl aber dem Gott huldigen lehrt, der ״seine Hand öffnet und alles sättigt mit Wohlgefallen.“ i1n;;!₪1it!1i!!!ii1!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.