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Jeschurun · 1915-03-01 · Heft 3 (März 1915) · page 35

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 3 (März 1915)
Date
1915-03-01
Page
– (sequence 35)
Language
German
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Tierschutz nach jüdischer und griechischer Anschauung.! 39 alle Menschen das Vollbürgerrecht im stoischen Weltstaat besitzen? Sie antworten: die Vernunft, die auch zugleich als Quell der Sittlichkeit erscheint. Also sind nur vernunftbegabte Wesen Träger eines t Rechtsanspruchs, mithin Menschen, Halbgötter, Götter — aber nicht die Tiere. Erst nach dieser Feststellung läßt sich die von Herrn Dr. Bamberger angeführte Äußerung Schopenhauers berichtigen. ״Der Wahn, daß unser Handeln gegen die Tiere ohne moralische Bedeutung sei. oder, wie es in der Sprache jener Moral heißt, daß es gegen die Tiere keine Pflichten gebe“, hat seine Quelle nicht im Judentum, sondern in der stoischen Ethik. Wir besitzen Auszüge und lateinische Übersetzungen aus ethischen Handbüchern stoischer Schulhäupter; sie sind nach Pflichtenkreisen geordnet: ein Kapitel ״Pflichten gegen die Tiere44 ist — aus den obigen Gründen — nicht überliefert. Ähnlich steht es mit den ethischen Anschauungen der anderen griechischen Schulen. Kur die Pythagoreer machen eine Ausnähme; und diese bestätigt die Regel. Ihre tierfreundliche Ethik, die sich manchmal bis zum Vegetarismus steigert, beruht nämlich auf ihrem Glauben an die Seelenwanderung; sie wollen also den Freund oder Verwandten nicht verletzen, der die Gestalt dieses Tieres angenommen hat. Grundsätzlich kennen auch sie nur Pflichten gegen Menschen. Von hieraus fällt nun auf die Stellung des Judentums neues Licht. Es teilt den Humanismus der Stoa und glaubt somit an eine grundsätzliche Schranke zwischen Mensch und Tier, an ein Recht des Menschen, das Tier zu seinem Zwecke zu verwenden. Aber die Menschen werden nach jüdischer Anschauung verbunden und geadelt nicht durch die Vernunft, sondern durch die Gottebenbildlichkeit. Und wenn diese Lehre einerseits den Gegensatz zwischen Mensch und Tier in religiöser Form aussprach und dadurch vertiefte, so beruht auf ihr andererseits unser Verpflicht-ungsgrur: d den Tieren gegenüber. Denn die Gottebenbildlichkeit wird ja von der jüdischen Ethik nicht nur als Gabe, sondern vor allem als 10*

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