Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 3 (März 1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Tierschutz nach jüdischer und griechischer Anschauung. Woher aber hat Paulus seine Anschauung? Und wieso kann er von den Korinthern ihre Billigung erwarten? Es läßt sich zeigen, daß Paulus hier griechischen Wein in die jüdischen Schläuche gefüllt und die biblische tierfreundliche durch die heidnische tierfeindliche Ansicht ersetzt hat. Gewiß macht das älteste Griechentum zwischen der Behandlung der Menschen und Tiere keinen sehr großen Unterschied. Der Cyklop bei Homer streichelt seine Böcke und frißt seine Gäste. Götter in Tiergestalt gab es ursprünglich in Griechenland so gut wie im Orient. Aber diese Urzeit und einzelne an ihre Anschauungen erinnernde spätere Bräuche sind auf uns ohne Einfluß geblieben. Um so mehr verdankt die moderne Ethik der hellenistischen Philosophie. Noch Aristoteles hatte die Schranken zwischen Griechen und Barbaren, zwischen Herren und Sklaven für unüberbrückbar und naturnotwendig gehalten. Im Gegensatz zu ihm entdeckte die Stoa die Worte und Begriffe des Kosmopolitismus und der Philantropie und verknüpfte die Menschen durch das Band der ausnahmslos geltenden, alle gleichstellenden Moral. Aber während so die Schranken zwischen den Menschen fielen, erfuhr gerade dadurch die Scheidewand zwischen Mensch und Tier eine Verstärkung. Gegen die Tiere, lehrten die Stoiker, haben wir keine Verpflichtungen. Zwei Gedankengänge drängten nach dieser Richtung. Erstens: Es war das Bestreben der Stoiker, an Stelle der künstlich ״geschaffenen“ Menschensatzung das ״Recht der Naturu zu setzen. Nun ist freilich ״von Natur niemand Sklave“: also ist die Sklaverei grundsätzlich zu verwerfen. Dagegen hat Gott (oder die Natur) die Tiere eigens für den Bedarf des Menschen geschaffen. Nur für ihn hat er nach der sehr naiven stoischen Teleologie dem Ochsen seinen breiten Rücken, dem Schwein sein Fett gegeben: selbst die Raubtiere sollen nur um des Menschen willen geschaffen sein — um nämlich seinen Mut zu üben. Tiefer geht eine zweite Begründung. Welches ist — so fragen die Stoiker — die Eigenschaft, auf Grund deren