Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 3 (März 1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum hassen uns die Völker? 121 Wege werden da eingeschlagen und in welclie Wirrnis führen sie! Die Literatur der Juden wird mit großem Fleiß durchforscht, aber nur Teile, etwa die Bibel, die Mischnah, die Agada, und man vergißt, daß das eben nur Bruchstücke einer großen Konfession und daß nur aus der Kenntnis des Gesamten sich die Offenbarung des Gesamtgeistes ergibt. Da konnte es sich dann ereignen, daß ein Ewald, einer der größten Orientalisten, der ein vielbändiges Buch über die Geschichte Israels geschrieben, aus einer Handschrift das Stück אשר ברברו מעריב ערבים, den Anfang unseres alltäglichen Abendgebetes herausgab und jubelnd die Entdeekung dieser Perle althebräischer Poesie der Gelehrtenwelt anpries. Hätte der hochgelehrte und vielerfahrene Mann nur einmalin der Stadt sich um die Ecke bemüht und eine Synagoge aufgesucht, das Volk, dessen religiöses Leben er bis in die tiefsten Falten zu kennen glaubte, bei seinem Alltagsgebet beobachtet, er hätte sich nicht diese unverantwortliche Blöße gegeben. Aber sein Beispiel hat nicht abschreckend gewirkt, und Prof. Aptowitzer hat auch der heutigen nichtjüdischen Theologenwelt einen Riesenstrauß aus den seltsamen Blüten winden können, die er auf dem Felde ihrer jüdischen Gelehrsamkeit gepflückt. Zu welchen Resultaten tief eindringendes Studium gelangt, hat das Beispiel von Herford gezeigt, der bei aller Wahrung seines christlichen Standpunktes ein vom Geiste der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit getragenes Buch über die Pharisäer geschrieben. Aber eben nur deshalb, weil er sich nach seinem eigenen Geständnis ein Mensch enalter in ihre Lehren versenkt. Und auch das genügt nicht. Oder doch nur bei auserwählten Menschen, die mit einer besonderen Fähigkeit der Intuition ausgestattet sind. Bücher sind an sich ein totes Material, dem eigenen Volke sagen sie oft etwas anderes, in ihm erwecken sie andere Gedanken, Empfindungen und Willensregungen als in den anderen. Nur wenige Nichtdeutsche können aus der deutschen Literatur erschließen, was Kant und’ Fichte auf der einen und Göthe und Schiller auf der anderen Seite für das Eigenste des Deutschtums bedeuten, wie sie auf dem 9