Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 3 (März 1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Warum hassen uns die Völker? stehen und uns immer vom Haß gegen sie freigehalten haben 1). Und die Neig ung ist nicht vorhanden. Wir haben oben von dem Verleumdungsfeldzug gesprochen, der seit Jahrzehnten gegen uns geführt wurde. Es verlohnt sich für die anderen Völker kaum, in ein Seelenleben einzudringen, das nach ihrem Vorurteil edlen Regungen so wenig zugänglich ist. Die dritte Hauptursache ist schwer durch ein einziges Wort wiederzugeben. Es handelt sich daum einen Komplex von Gefühlen, in denen Verachtung, Neid und Furcht die hervorstechendsten sind. Deutschland war Jahrzehnte hindurch ein starkes Auswanderungsland. Der Uberschuß, den es von seiner Einwohnerschaft abgab, war zwiefacher Art. Ein minderwertiges Menschenmaterial, das in der Heimat gestrauchelt war oder nicht vorwärts kommen konnte, und ein besonders hochwertiges, das in der Enge und allzustraffen Gliederung der Stände, wie sie der Nachteil und der Vorzug des deutschen Staatenlebens ist. nicht die Schwingen regen konnte und nun ein weites Feld der Betätigung für seine großzügigen Gedanken und Pläne suchte. Bedürfnislos und mit der niedersten Stellung zufrieden die Einen, und darum mit Verachtung gestraft. Von Stufe zu Stufe steigend die Anderen und darum bald Gegenstand des Neides. Dazu kam. daß sie im fremden Lande in den dort heimischen Volkskörper sich hineinschoben, nicht wie die Italiener, die Iren, die russischen Juden eine in sich geschlossene Masse bildeten, sondern sich überall der Eigenheit der dortigen Bevölkerung anzuschmiegen wußten, ohne 1I Einp! Probe aufs Exempel, wie sie schlagender nicht gegeben werden kann, bietet jetzt die Schweiz. Sie ist das Land, das von allen Ländern seine Neutralität am entschiedensten und aufrichtigsten gewahrt hat. Aber in der Presse kommen doch die einzelnen Völkerschäften zu Worte. Da vergleiche man denn die Presse der deutschen Schweiz mit der französischen. Hier eine Leidenschaftlichkeit und ein temperamentvolles Hassen, als ob wir in Frankreich wären, und dort eine Sachlichkeit, ein Hebenein anderstellen der verschiedenen Berichte, ein sorgsames Abwägen mit einem so unerschütterlichen Ernste, daß er. wenn man bedenkt, wie die Berichte sich widersprechen, fast einen Stich ins Komische erhält.