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Jeschurun · 1915-03-01 · Heft 3 (März 1915) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 3 (März 1915)
Date
1915-03-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Warum hassen uns die Völker? II: ist. Und auch die Literatur ist nur rohes Material, das von den Lesenden geformt, mit dem Maßstab des Empfindens gemessen wird, das er in seinem eigenen Innern trägt, aus dem er nicht Größeres schaffen kann, als er selbst seinem nationalen Charakternachhineinzulegen vermag1). Nur ein langjähriges liebevolles sich Versenken in den Gesamtgeist des fremden Volkstums,nur eine gewisse Entäußerung des eigenen Selbst, nur ein Abwägen aller beobachteten Züge in Wahrheit und Gerechtigkeit führt zu jener Einfühlung in die fremde Art, die uns befähigt bis zum Wesen vorzudringen.! Und weil die Völker den Deutschen gegenüber aus Gründen, die zum Teil schon erwähnt und noch weiter ausgefübrt werden sollen, am wenigsten Anlage und Neigung haben, sich ihr Seelenleben zu eigen zu machen und durch die äußere Erscheinung hindurch auf den Urgrund ihres Volkstums hinabzusteigen, um dort die Wurzeln aufzudecken, aus denen das Deutschtum seine Kraft und Fülle gewinnt, darum ist hier die Unwissenheit besonders groß und von so erschreckender Wirkung. Die Anlage fehlt. Leidenschaftlichkeit des Temperaments, Hochmut begründet in dem Bewußtsein der vermeintlichen Größe des eigenen Volkstums, Oberflächlichkeit in der Lebensauffassung, das alles vereinzelt oder im Bunde rauben vielen nichtdeutschen Völkern die Fähigkeit des sachgemäßen und tiefeindringenden Urteils. Das klingt hart für die anderen Völker. Deshalb wäre es besser in der Form auszudrücken: Kein Volk hat so wie das deutsche die Fähigkeit, sich in Geist und Gemüt der anderen Völker zu versetzen. Das ist nicht Selbstlob, denn es hat auch seine Schattenseiten. Aber es ist Tatsache, das Ergebnis eines langen geschichtlichen Prozesses. Diese Fähigkeit in den Dienst fleißiger Arbeit gestellt, hat dazu geführt, daß wir die anderen Völker ver- *) Ein. sehr charakteristisches Beispiel ist Lessing, der aus seiner Eigenheit heraus völlig unfähig war, die Bedeutung der französischen .Klassiker für den romanischen Volkscharakter zu würdigen und sie da• her in seiner *Hamburgischen Dramaturgie“ so ungerecht behandelt hat.

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