Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 3 (März 1915)
- Date
- 1915-03-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Warum hassen uns die Völker: Reisenden, da so viele es an der rechten, vor allem den Romanen angemessen erscheinenden Lebensart fehlen lassen. Sicher nicht ganz mit Unrecht. Otto Julius Bierbaum macht ja selbst in seiner ״Yankeedoodlefahrt“ seiner Empörung über den reich gewordenen Emporkömmling Luft, der auf der Fahrt über italienische Lotterwirtschaft schimpft und die heimischen Einrichtungen preist, als ob kein Italiener im Zuge deutsch verstünde. Aber wieviel Tausende und Abertausende Deutscher ziehen alljährlich schönheitstrunken durch die Gefilde Italiens, hingerissen von der Schönheit der Natur, vom Zauber der Kunst, das Antlitz verklärt vom Schimmer der Seligkeit. Der hervorragende italienische Abgeordnete, der vor der Kammer den Ausspruch tat: ״Ich habe es ja immer gesagt, daß die Deutschen Barbaren sind“, hat eben nur jene Ungebildeten seinem Gedächtnis eingeprägt. Diese anderen hat er nicht gesehen oder vielmehr nicht beachtet. Denn derartige edle Erscheinungen waren eben nach seiner Meinung Ausnahmen und nicht die echten Vertreter des deutschen Volkes. Auch dort, wo der gute Wille vorhanden ist, fehlt es an der Fähigkeit, sich in das Wesen des Deutschtums einzufühlen. Daß die Kenntnis der deutschen Sprache so wenig verbreitet und damit eines der wichtigsten Mittel ausgeschaltet ist, das deutsches Denken und Fühlen den fremden Völkern nahebringen könnte, ist schon oben angedeutet worden. Aber das gilt doch nicht von den vielen Intellektuellen, die zum großen Teil bei der Hetze gegen das Deutschtum die Führung übernommen. Da darf nun ein Moment nicht außer Acht gelassen werden, das meines Wissens nicht Berücksichtigung gefunden. Der Aufenthalt in einem Lande und die Beschäftigung mit der Literatur eines Volkes bietet nicht die geringste Gewähr, daß auch das Wesen dieses Volkstums erfaßt ist. Das Äußerliche, die Eigenheiten, das Absonderliche vom Menschen wird von uns bemerkt, wenn wir sie sehen, mit ihnen sprechen, mit ihnen umgehen. Aber ihr Innerstes er־ schließt sich uns nur, wenn wir ihnen innerlich nahekommenr in erlesenen Stunden, da uns ein Blick in ihre Seele vergönnt