Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1915)
- Date
- 1915-02-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Über den Wirklichkeitscliarakter der religiösen Ideale. 79 wir uns selbst dadurch zu erhöhen versuchen, daß wir uns die "Wirklichkeit kleiner und ärmer vorstellen als sie ist! Der Begriff der Freiheit und der Gottheit haben für unsern Verstand etwas schlechthin Undurchdringliches. Wir schreiten in der Wissenschaft von der Ursache zur Wirkung fort. Wo aber die Freiheit anfängt, da hört die Bedingtheit auf, da geschieht etwas im Menschen, ohne daß ich seine Naturanlage allein dafür als Ursache angeben kann. Ein solches Ereignis vermag ich zwar zu erleben und zu beschreiben, aber keineswegs bin ich fähig, es wissenschaftlich zu behandeln, dem Prinzip von Ursache und Wirkung unterzuordnen. Noch hilfloser steht das Denken der Gottesvorstellung gegenüber. Zwar bietet auch für diesen Begriff die Erfahrung einen Anknüpfungspunkt dar. Die Zweckmäßigkeit im lebenden Organismus weist auf einen vernünftigen Weltenurheber hin. Dieser analogieartige Schluß genügt dem naiven unreflektierten Denken. Die wissenschaftlich vorgehende Philosophie verlangt aber tiefere Aufschlüsse. Ihr genügt nicht ein Gott, der, dem Geiste des Menschen entsprechend — nur noch viel größer als dieser — in der Zeit lebt und so dem Wechsel derselben, dem Vorher und Nachher untertan ist. Sie setzt ihn vielmehr als erhaben über Zeit und Baum. Damit dieses Wesen aber schließlich vollständige Allmacht erhält, muß es auch den Gesetzen unseres Denkens übergeordnet sein. So tritt die Gottesvorstellung je reiner sie wird, immer mehr aus dem Gesichtskreis wissenschaftlicher Betrachtungsweise heraus, ihr Wesen erfüllt sich immer mehr mit Elementen, die der Sphäre des Glaubens angehören. Es ist aber ein Trugschluß, eine Vorstellung, die nicht mehr in das Gebiet menschlicher strenger Wissenschaft fällt, deswegen als nichtig und widerspruchsvoll hinzustellen! Wir werden an der Existenz derartiger Vorstellungen auch in theoretischer Beziehung festhalten, wenn sie sich auch in erster Linie im praktischen Leben zu bewähren haben. Ist es doch ganz unmöglich, Gott und Freiheit als Normen für unser Handein aufzustellen, ohne diesen Begriffen wirkliches Leben, reale