Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1915)
- Date
- 1915-02-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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78 Über den Wirklicbkeitscharakter der religiösen Ideale. Bedenklicher wäre es allerdings, wenn auch die letzten Grundbegriffe, mit denen die Wissenschaft operiert, als falsch, ja sogar als widerspruchsvoll anzusehen wären. Und in diesem Punkte meinen wir Vaihinger durchaus widersprechen zu müssen. So beachtenswert seine ebenso sorgfältigen, wie um־ fassenden Analysen sind, wir sehen in dem, was er auszusetzen hat, nur Schwierigkeiten und Dunkelheiten. Viele Unvoll־ kommenheiten, das ist gewiß, finden sich an den außerordentlieh wandlungsfähigen Fundamentalbegriffen der Wissenschaft. Aber wir sind nicht berechtigt, sie als vollkommen falsch oder gar als logisch widerspruchsvoll anzusehen. Wie wir hier dem Autor nicht beistimmen können, so vermögen wir es noch viel weniger, wenn wir seine Anschauung über die allgemeinen metaphysischen und religiösen Ideale in Erwägung ziehen. Vaihinger irrt sich, auch diese Begriffe können nicht als falsch, als logisch widerspruchsvoll hingestellt werden. Wie kann man überhaupt nur auf eine solche, dem religi- Ösen Empfinden ganz paradox, ganz unnatürlich anmutende Be־ hauptung kommen? Der Grund dürfte folgender sein. Je einfacher und inhaltsärmer der Stoff ist, mit dem wir uns beschäftigen, desto durchsichtiger ist er für unser Denken. Die einfachste Materie bilden die Zahlen und ihre gegenseitigen Beziehungen. Und dementsprechend können wir sagen, es gibt keine Wissenschaft, welche vollkommener ist als die Disziplin, die sich mit ihnen beschäftigt, die sogenannte Zahlentheorie. Nirgends feiert die menschliche Vernunft größere Triumphe als in der Aufhellung und allseitigen Durchdringung dieses Ge־ bietes! Je höher wir aber die Stufenreihe der Wissenschaften hinaufwandern, desto schwieriger wird die Aufgabe. Wie verwickelt ist schon die Biologie, wie spottet beispielsweise die Tatsache der Vererbung aller Erklärungsbemühungen! Ist es da ein Wunder, wenn wir, den allerhöchsten Problemen der menschlichen Vernunft uns zuwendend, um dem Bewußtsein von der Ohnmacht des Verstandes zu entgehen, die ]Realitäten, an welche diese Probleme anknüpfen, zu verneinen versuchen, wenn