Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1915)
- Date
- 1915-02-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Über den Wirklichkeitscharakter der religiösen Ideale. 77 Freiheit, mit der Gottesvorstellung geschehen? Auch diese Vor- Stellungen, meint Vaihinger, können in theoretischer Beziehung nicht gerechtfertigt werden, es sind theoretisch falsche, ja widerspruchsvolle Begriffe! Und dennoch sind sie uns unentbehrlich, wir können ohne sie nicht auskommen. Wir müssen schlechterdings so leben, als ob es einen Gott, als ob es menschliehe Willensfreiheit gebe. ״Wem solche Erkenntnis fürchterlieh erscheint, wem sie eine schädliche Wahrheit ist, wer glaubt, dadurch seine Ideale als wertlos wegwerfen zu müssen, wer sie gar darum einfach wegwirffc — der hat eben auch nie an jenen Idealen mit aller Macht seiner Seele gehangen״ (S. 68). Wie verhält׳ es sich mit dem Wahrheitsgehalt dieser leider nur in höchster Kürze und UnVollständigkeit von mir referierten Ansichten? Es bleibt ein unbestreitbares Verdienst Vaihingers, nachgewiesen zu haben׳ mit wievielen Fiktionen, mit wie falsehen Vorstellungen wir im praktischen Leben und auch in der Wissenschaft umgehen müssen, wie unvollkommen, ja wie ohnmächtig sich unser Verstand erweist, sobald wir mehr als bloße Nützlichkeit, sobald wir Wahrheit von ihm verlangen! Gleichwohl will es uns scheinen, daß unser Gewährsmann denn doch in seinem theoretischen Pessimismus viel zu weit geht. Wohl sprechen wir, um auf unser erstes Beispiel zurückzukommen, im gewöhnlichen Leben davon, daß die Dinge farbig sind, daß sie Härte besitzen, daß Gerüche und Klänge von ihnen ausgehen, obwohl alle diese Eigenschaften objektiv nicht vorhanden sind. Streng genommen gebrauchen wir also wirklieh falsche Vorstellungen. Aber uns kommt es ja praktisch gar nicht darauf an, wie die Dinge gestaltet sind, wenn man sie an und für sich betrachtet, sondern nur auf die subjektiven Eindrücke, die sie auf uns machen Wenn ich mir eine Kose kaufe, tue ich es um ihrer schönen Farben und Düfte wille^ um der Empfindungen willen, die sie in mir erregt, aber nicht deswegen, weil die mathematische Struktur ihrer letzten unsinnliehen Bestandteile einen besonderen Keiz auf mich ausübt. Interessiert mich die letztere, nun da weiß ich wohl, daß ich mich ganz anderer abstrakter Begriffe bedienen muß.