Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1915)
- Date
- 1915-02-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292945--00589-2293829- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Über den Wirklichkeitscharakter der religiösen Ideale. nur Erscheinungen, verschiedenartige Ansichten, kurz heraus gesagt meine Empfindungen. Auf Grund dieser subjektiven Ansichten, dieser meiner Empfindungen konstruiere ich erst einen körperlichen Gegenstand, in diesem Falle ein Haus. Wie mit dem Hause, so ergeht es uns mit der ganzen körperlichen Welt. Das ganze Universum ist mir in seiner Wesensart nicht direkt gegeben, es ist vielmehr ein erschlossenes Gebilde. Aber nicht diese, dem Philosophen längst bekannte Tatsache ist es, die Yaihinger hervorheben will. Er geht noch viel weiter. Wir wissen es, daß der Physiker und Chemiker überhaupt keine Farben, keine Töne, keine Gerüche als objektiv existierend anerkennt. Im Sinne der strengen Wissenschaft gibt es nur letzte, unteilbare Grundbestandteile, die keine von den uns bekannten sinnlichen Qualitäten besitzen. Dennoch aber kümmern wir uns im praktischen Leben nicht um diese Tatsache, ja wir können es überhaupt nicht. Es wäre ungereimt und lächerlich im gewöhnlichen Verkehr statt von Farben und Tönen von unsinnlichen Äther- und Luftschwingungen zu sprechen. Was folgt daraus, sagt Vaihinger? Wir wenden für unser ganzes Leben in bewußter Weise falsche Vorstellungen an! Es gibt da draußen keine Farben und keine Töne, wir hantieren aber doch mit derartigen falschen, rein fiktiven Begriffen. Warum? Weil sie uns nützlich, ja unentbehrlich sind! Wie mit diesen Vorstellungen, so geht es, nach unserm Autor, mit sehr vielen andern. Ja sogar die unentbehrlichen Grundbegriffe der Wissenschaft, die Atome des Chemikers, die unendlich kleinen Größen des Mathematikers, der absolute Paum und die unendliche Zeitdauer sollen falsche, teilweise sogar in sich widerspruchsvolle Begriffe sein! Dennoch aber dürfen wir uns ihrer nach wie vor bedienen, weil sie uns außerordentlich nützlich sind. Nicht auf ihre Wahrheit kommt es an, sondern auf ihre Zweckmäßigkeit. Wahrheit ist für gewöhnlich weiter nichts als ein zweckmäßiger Irrtum! Wie verhält es sich aber mit unsern allerhöchsten, unsern metaphysisch bedeutsamsten Begriffen, was wird mit unserer