Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1915)
- Date
- 1915-02-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Über den WirklichkeitsCharakter der religiösen Ideale. Dadurch hat er zweifellos an äußerer und innerer Kultur gewonnen. Er tritt nicht mehr in seiner früheren Gestalt als plumper, ungeschlachter Materialismus auf. Er ist überlegter und besonnener geworden, hat auch einen andern Namen angenommen, um so auch äußerlich seinen veränderten Charakter zu dokumentieren. Als sogenannter ״Positivismus“ führt er sich heutzutage ein und bemüht sich nicht ohne Geschick um eine führende Polle unter den philosophischen Strömungen der Gegenwart. Ich glaube nicht, daß seine Anstrengungen großen Erfolg haben werden. Dazu steht er denn doch in einem zu schroffen Gegensatz zu den religiösen Idealen der Menschheit. Innerhalb der positivistischen Geistesrichtung gibt es aber eine weniger extrem gerichtete Strömung, die auch dem religiös gesinnten Menschen eine Befriedigung seiner Bedürfnisse bieten zu können glaubt. Hans Vaihinger kann als Vertreter derartiger Tendenzen gelten. Es dürfte daher die Leser dieser Zeitschrift interessieren, über den wesentlichen Inhalt seines großen, viel besprochenen Werkes ״die Philosophie des Als Ob“ unterrichtet zu werden. (Die Philosophie des Als Ob. System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund eines idealistischen Positivismus von Hans Vaihinger 2. Auflage. Berlin 1913. Verlag von Beuther und Beichard. XXXVI u. 804 S. gr. 8°. Preis geh. M. 16,־־, in Halbfranz geb. M. 18,50). Leider können wir dem großen Beichtum dieses Buches in keiner Weise gerecht werden. In Fachkreisen ist man sich darüber einig, daß es außerordentlich wertvolle, in das Gebiet der modernen Logik und Erkenntnistheorie einschlagende Ergebnisse in sich birgt. Uns kann hier nur die Stellungnahme Vaihingers zu den Grundproblemen der Weltanschauung beschäftigen. Charakteristisch für den Autor ist die äußerst geringe theoretische Schätzung, die er dem Denken entgegenbringt. ״Der erste Zweck des logischen Denkens ist ein praktischer, die logische Funktion dient der Selbsterhaltung. Erst ein sekundärer Zweck ist die Erkenntnis: sie ist gewissermaßen