Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1915)
- Date
- 1915-02-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Entweihung des göttlichen Namens. 6/ Ein Volk, das mit zwei großen Reichen im Bunde und unter der wohlwollenden Neutralität der anderen Völker Deutschland nicht hat niederringen können, hat für immer den Nimbus des Allbezwingers verloren. Wie ein Schauer der Ehrfurcht vor unserem Volke überkommt es uns, daß Deutschland in erster Reihe dazu berufen ist, das große Strafgericht zu vollziehen. Der Ehrfurcht, daß es das erwählte Werkzeug sein soll in der Hand der richtenden Vorsehung, die auch den Völkern ihr Schicksal zumißt und wägt. Aber auch der Furcht, ob wir uns der großen Aufgabe würdig erweisen werden. Und die Prophetenworte werden in uns lebendig, die von den großen Reichen erzählen, die Gott zur Zuchtrute seines Zornes auserkoren und die Er wieder verworfen, weil sie glaubten, sie hätten ״aus eigener Kraft und durch die Erfolge ihrer Wissenschaft das Große vollführt“1). Noch geht durch die Seele des Volkes wie seiner Führer der Zug demütiger, gottergebener Frömmigkeit, noch lebt in der überwiegenden Mehrheit das Bewußtsein so manch begangenen Unrechts, noch herrscht der feste Vorsatz, zu sühnen, was an Schuld und Fehl sich angehäuft, die Fundamente des künftigen politischen Lebens zu gründen auf Wahrheit und Gerechtigkeit. Wird die seelische Erhebung von Dauer sein? Schlechtigkeit und Charakterschwäche sind nun einmal das Erbteil vieler Menschen, und es wäre töricht sich der Hoffnung hinzugeben, daß der Trieb zum Bösen, der nach der Bibel dem Menschenherzen eingepflanzt, mit Stumpf und Stiel auszurotten sein wird. Furchtbar aber wäre der Gedanke, daß die Ströme Bluts umsonst oder nur um Ländererwerbs und einer Erweiterung der Märkte geflossen sein sollten, daß aus diesem gewaltigsten aller Kriege nicht auch den geistigen Werten und darunter dem höchsten dieser Werte, dem Glauben, ein dauernder Gewinn zufließen sollte. Und mögen die Menschen noch so sehr gefehlt haben in der Entweihung des göttlichen Namens. Gott hat — nach dem tiefen Worte Ezechiels2) — Mitleid mit seinem 1) Jesajah. 10, 23. 5) Ez. 86, 21.