Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292944--00558-2293797- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
46 Das Große und seine Lehre. äußerlichen Ehren, das so viel Charakterstärke brach und so viel ״Strebsamkeit“ wachrief und großzog; die Überschätzung der werteschaffenden Arbeit in Technik und Industrie, so daß daneben alle sittlichen Güter ihren Kurs verloren und selbst der geistige Erwerb nur noch den seiner materiellen Verzinsung entsprechenden Kursstand bewahrte; vor allen aber jene verzärtelnde Verliebtheit in das eigene, natürlich immer reiche Innenleben mit ihren! Schwelgen in der Analyse der allerfeinsten und allerletzten Seelenschwingungen, die nicht einmal an der Schwelle des Enterbewußtseins Halt machte und in der Fülle ihrer Entdeckungen an ungeahnten Schönheiten des eignen Ichs das Hecht und die Pflicht zum Übermenschentum ersah . . . Was trüber Pessimismus kaum mehr zu erhoffen wagte, daß hier noch Besserung möglich sei: die Not der Zeit mit ihrem eisernen Besen, die Größe des Augenblickes mit ihrem allgewaltigen Aufruf aller schlummernden, sittlichen Kräfte hat dieses Pandämonium gebannt und mit eherner Zunge ihr ״seid’s gewesen“ ihm zugerufen. IV. Und wir? Haben wir in den Tagen, die hinter uns liegen, uns freigehalten von den Gebresten der Zeit, altjüdische Demut und Bescheidenheit, Gottesverehrung und Gottvertrauen, Sittenstrenge und Sitteneinfalt, Anspruchslosigkeit und Opfer- Willigkeit, kurz, das reiche Erbe der Vergangenheit an sittliehen Werten und sittlichen Kräften uns und den Unserigen zu wahren gewuß4־? Oder haben wir nicht, umgekehrt, sogar die Führung übernommen in der Ausbeutung all der ״Errungenschäften“ des modernsten Zeitgeistes, der die oben geschilderten bedauerlichen Züge trug; haben vor allem das Streben zum Erfolg und die Überschätzung der Äußerlichkeiten des Lebens nicht gerade in unseren Reihen auf Kosten unseres teuersten Besitzes, unserer Religion ihre Pflege gefunden? Deß Stirn müßte mit Eisen gepanzert sein, der diese Fragen zu bejahen wagte. Es war wohl — und das kann uns ein Trost, ein magerer freilich, sein — auch in früheren Zeiten schon so, daß