Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292944--00554-2293793- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
42 Das Große tmd seine Lehre. Das Große und seine Lehre. Von Dr. Eduard Biberfeld, Berlin. Die wahre Größe ist auch die stille Größe. Wahre Größe bedarf ja nicht des rednerischen Pathos, nicht der weitausladenden Geste, keines Kunstgriffs geschickter Inszenierung, um sich Geltung zu verschaffen, weil die Macht der sittlichen Kräfte und Gedanken, die in ihr tätig sind, für sie wirkt . . . Wahre Größe — stille Größe aber auch darin, daß sie allem Lob und aller Schilderung und Beschreibung ringsum Schweigen gebietet. Was der Psalmendichter als letzte und höchste Steigerung des im Lobgesang sich entladenden Drangs zum Gottesbekenntnis im Menschenherzen kündet לך דומיה תהלה, die Erkenntnis, daß Gott loben und seine Eigenschaften preisen seine Größe einengen und verkürzen heißt — das gilt in gebotener Modifikation auch für die Schöpfung Gottes und ihre Geschöpfe. Solange des Menschen Zunge noch Worte findet, die erhabene Größe dieser Schöpfung zu rühmen, den Segensreichtum, den sie birgt, zu feiern, so lange ist diese ״Größe“ ihm wesensfremd und trotz allen Wortaufwands ihm unverstanden geblieben, und es ist nur ein Ausdruck für die Fülle des Genusses und der Vorteile, die sie ihm bietet, wenn er von ihrer Größe spricht. Aber, wenn angesichts der Zeugen einer Jahrtausende alten Vergangenheit und Vergänglichkeit, im Anblick der alles menschliche Maß übersteigenden Urwaltriesen der Tendapuru, oder der in ewiges Eis getauchten Spitzen der Alpenformationen, oder von der tosenden, zerstörenden Gewalt des Niagara, dem Lavastrom des Ätna und dem Glutensprudel der Geiser die Ergriffenheit der Seele auch die beredste Zunge in den Bann des Schweigens zwingt; dann und zum ersten Male in diesem Augenblick ist es ihr zur Offenbarung geworden, was wahre Größe ist, und wie so gar wenig von all dem, was sie sonst dafür wohl ansprechen mochte, mit Recht dieses Werturteil verdient. Und mit den Geschehnissen und Werken des menschlichen Daseins ist es auch nicht anders. Wie ward nicht schon