Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292944--00521-2293760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Unser Kaiser. 9 zu Gott fließt je nach der Persönlichkeit des Herrschers schrankenlose Selbstüberhebung oder das Gefühl einer außerordentlichen Verantwortung. Die oberflächlich veranlagten Naturen werden aus dem Bewußtsein jener besonderen Bevorzugung nur das Hecht schöpfen, auf das Gehudel unter ihnen herabzusehen. Die tiefen, von der alles überragenden Bedeutung ihrer Aufgabe durchdrungenen, werden aus dieser religiösen Beziehung, aus dem Glauben, daß in ihnen und durch sie die Gottheit wirkt am Webstuhl der Zeit, die Kraft schöpfen zu einem Ernst der Lebensauffassung, zu einer inneren Selbstprüfung, die allen ihren großen Entschlüssen die edelste Prägung gibt. Die Idee des Gottesgnadentums spielt, wie allbekannt, in der Welt- und Lebensanschauung unseres Kaisers eine sehr bedeutsame Rolle. Immer und immer wieder ist der Kaiser in seinen Ansprachen auf diese seine Lieblingsidee zurückgekommen. Die Schärfe, mit der sie besonders in seinen ersten Regierungsjahren betont wurde, hat mannigfachen Widerspruch erfahren, die Form, in der sie zum Ausdruck gebracht wurde, hat manche Entgegnungen hervorgerufen, und der Idee selbst wurde von den Vertretern der verschiedensten Parteien Fehde angesagt. Aber es gibt wohl jetzt keinen vorurteilslosen Deutschen, der zu bezweifeln wagte, daß der Kaiser, wenn er sich als von Gottes Gnaden fühlt und äußert, das in jenem tief religiösen Sinne nimmt, den wir oben gekennzeichnet, daß das Gefühl der Verantwortlichkeit ihn dort, wo es sich um große Entscheidungen handelt, ebenso bedrückt wie erhebt, und daß die Kulturvölker Europas den vier Jahrzehnte langen Frieden nicht zum geringsten Teil dem Umstand verdanken, daß in dem Kaiser die Idee des Gottesgnadentums einen so ernsten und erhabenen Charakter angenommen. Wie könnte das auch anders sein bei der tiefen Gottesfurcht, die den Kaiser auszeichnet. Es ist in diesem Kriege wahrlich der Name Gottes von so manchem zum Falschen im Munde geführt worden. Welche Kundgebung aber immer vom Kaiser ausgegangen ist, sie griff uns ans Herz in ihrer wurzelechten Religiosität, sie bewies, daß er seinen Gottesglauben, seine Gottesfurcht und