Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Unser Kaiser. 5 große Zeit eine Stätte finden müssen und eine Rechtfertigung, daß wir auch in dieser Zeit uns unser eigenes Urteil wahren und dem Kreis der Leser, der sich unserer Führung anvertraut, übermitteln. Aber sie führen zugleich unmittelbar in das Thema ein, zu dem jeder denkende Deutsche in diesen Tagen Stellung nehmen wird, mag er sonst politisch indifferent sein oder gar einer radikalen Partei angehören. Wenn irgendwie Individuen die Geschicke der Völker bestimmen, so nimmt der Deutsche Kaiser, daran zweifelt weder Freund noch Feind, unter ihnen die erste Stellung ein. Und nachdem wir den Frieden oben als das höchste Ideal gepriesen, so schweifen unsere Gedanken unwillkürlich zu dem Manne über, der um den Frieden sich das höchste Verdienst errungen. * * * Uber den Kaiser will ich reden, will über ihn, wie das an dieser Stelle allein angemessen ist, als Jude reden. Das verböte sich in ruhigen Zeiten von selbst: Denn die Ehrfurcht, die wir der Majestät des Herrschers zollen, verwehrt uns nicht allein, dem Tadel Raum zu geben. Nach jüdischer Auffassung gebietet uns die Ehrfurcht vor einer Persönlichkeit auch mit unserem Lobe zurückzuhalten. Man darf nach Schulchan Aruch Jore Deah 240,2 nicht den Vater loben. Denn wer lobt, der maßt sich das Recht an, auch tadeln zu dürfen. Kaiser WilhelmL, der, wie vielfach bezeugt ist, unübertrefflich seine königliche Würde zu wahren wußte, hat den gleichen Gedanken in den Worten ausgedrückt: ״Wer mich ins Gesicht lobt, der nähme sich auch das Recht, mich ins Gesicht zu tadeln.“ Und wer öffentlich an weithin sichtbarer Stelle seine Meinung über den Kaiser ausspricht, der lobt und tadelt ins Gesicht. Aber in der heutigen Zeit, da fast in der ganzen Welt, im neutralen Ausland fast ebenso wie in Feindesland, was die Gemeinheit nur ersinnen, die Lüge nur erfinden kann, unserem Kaiser angehängt wird, und wo andererseits in Deutschland alle Herzen um unseren Herrscher, den sichtbaren Vertreter,