Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Unser Kaiser. Einwohnerschaft sein Mütchen kühlt?! Und wenn eine Steigerung möglich wäre, so möchten wir sagen: Noch mehr als dies körperliche Leiden ergreift jedweden, für den die Sittlichkeit und die Religion kein leerer Wahn, Bangen und Entsetzen ob der sittlichen Verwahrlosung, von der ein so großer Teil der sogenannten Kulturvölker Zeugnis ablegt. Welche Verrohung in Wort und Tat, im Denken und Empfinden! Auch bei uns hat man vergessen, daß es sich im Kriege um Menschen handelt. Da liest man Sätze wie ״der Abschuß habe sich nicht gelohnt‘4, ein anderer schreibt, ״er habe den ersten Franzosen mit der gleichen Ruhe geschossen wie einen kapitalen Hirsch“, der dritte rühmt sich seiner Hochwildjagd. Immerhin können wir sagen, daß wir im großen und ganzen Hand und Mund rein gehalten, daß der Krieg unserem Volke einen außerordentlichen Gewinn an ethischen Werten gebracht. Ist das aber ein Trost, wenn wir sehen, welche Verluste die Menschheit zu buchen hat, wie die Lüge und die brutale Gewalt eine nie erreichte Höhe erklommen, wie die Heuchelei ihr ekelerregendes Gewerbe in erschreckendem Umfange treibt, der Haß blindwütend alle Bande zwischen Gleichstrebenden zerreißt und die gemeinsten Laster sich im Gewand der Tugend spreizen. Nein und tausendmal nein! Der Krieg ist oft eine Notwendigkeit, und dieser Krieg war und ist für Deutschland eine sittliche Notwendigkeit. Aber mögen alle die Herren, die früher den Humanismus und Kosmopolitismus gepachtet hatten und nun sich so merkwürdig heroisch geberden, noch so schreien, war bleiben dabei: Was immer ein Krieg an Gutem zu bringen vermag, nie wiegt er das physische und sittliche Übel auf, das ihn begleitet und das er im Gefolge hat, und die größten Wohltäter der Menschheit bleiben immer jene, die alle Kraft daran gesetzt, den Frieden zu fördern und zu erhalten. * * * Diese Betrachtungen sollten den neuen Jahrgang unserer Zeitschrift einleiten. Sie sollten eine Erklärung dafür geben, weshalb auch in diesen Blättern die Erörterungen über die