Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1915-01-01 · Heft 1 (Januar 1915) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
2 (1915)
Issue
Heft 1 (Januar 1915)
Date
1915-01-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2292929-2292942-2292944--00515-2293754
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Unser Kaiser. 3 waren uns der ungeheuren Stärke nicht bewußt, die unseren Heeren und unseren wirtschaftlichen Mächten innewohnte. Einer scheinbar so gewaltigen Übermacht gegenüber wurde auch mit der Möglichkeit gerechnet, daß wir unterliegen würden. Aber mit dem Reichskanzler sprach das ganze Volk: ״Wir wollen siegen oder sterben!“ Den Tod vor Augen, erhob sich das deutsche Volk in seiner Gesamtheit zu einer so lichten Höhe des sittlichen und religiösen Empfindens, daß wir in den furchtbaren zerstörenden Gewalten, die über die Menschheit hereingebrochen, nicht so sehr das Ungeheuerliche und Schreckenerregende sahen als vielmehr das Erhabene und Erhebende nachfühlten und bewunderten. Es vergingen Monate, und wir sahen dem Kriege näher ins Gesicht. Die Hochflut der seelischen Erhebung, die auch für ein Volk nur ein Gnadengeschenk für Tage und Wochen ist, war gesunken. Jetzt wußten wir, was auch kommen mag, kein Fußbreit unserer Heimat wird für die Dauer unserem Feind verbleiben. Und diese Entspannung des Aufruhrs in unserem Innern gab uns den Blick frei für die Wunden, die dieser Krieg der ganzen Menschheit schlägt. Welchen fühlenden Menschen muß nicht ein Grauen packen über die Ströme Bluts, die jetzt vergossen werden! In dem Gedanken an die Verwundeten und die Krüppel, die ein ganzes Leben ihr Elend schleppen müssen, denen ein Los fiel, schlimmer als der Tod. Angesichts der Not und des unendlichen Jammers der Bevölkerung jener Städte und Dörfer, in denen die Kämpfe wüten. Uns griff das Schicksal der Ostpreußen ans Herz, weil wir die Flüchtlinge sahen und von ihrem Schicksal erzählen hörten. Können wir aber darum stumpfen Sinnes an dem Unglück vorübergehen, das die friedliche Bevölkerung Belgiens und Frankreicbs betroffen, ruhig bleiben bei den Greueln, die sich von Memel bis Czernowitz ab spielen, wo das eigentliche Ghetto der Juden ein einziges ungeheures Schlachtfeld bildet und abgesehen von den entsetzlichen Leiden, die der Krieg an sich im Gefolge hat, noch der ״Freund“ an der ausgesogenen, gehetzten l*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.