Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292942-2292944--00514-2293753- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 Unser Kaiser. בכל דרכיך דעהו. In all deinen Wegen suche Ihn zu erkennen. Nichts ist zu klein, daß es nicht religiös gewertet werden müßte. Nichts ist so groß, daß wir nicht das Recht und die Pflicht hätten, den religiösen Maßstab anzulegen und uns zu fragen: Kann es in seiner Größe vor den Lehren und den Forderungen unserer Religion bestehen? Das größte Erlebnis aller Menschen der Jetztzeit ist der Weltkrieg. Es ist so groß, daß es die ganze Kulturwelt aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Nirgends eine echte und aufrichtige Neutralität. Neutral sind nur die Regierungen einzelner Völker in ihren Handlungen und offiziellen Kundgebungen, die Völker selbst und die Einzelnen haben überall in Lieben und Hassen ihr ausgeprägtes Meinen und Fühlen. Das ist nur natürlich und kann keinem Tadel unterliegen. Betrübend ist nur, daß das Ereignis die Menschen überwältigt hat, daß es so viele Ideale über den Haufen geworfen, die der Menschheit bisher vorangeleuchtet■. Und weil wir der Überzeugung sind, daß die Religion der Felsen sein muß, an dem sich die Brandungen der wildesten Leidenschaften brechen sollen, weil vor allem das überlieferte Judentum nur einen Leitstern kennt für aUe Wirrnis des irdischen Daseins: Gott und seine Lehre, darum hielten und halten wir es für unsere Pflicht, das furchtbare und zugleich erhabene Völkerringen und all seine Begleiterscheinungen von religiösem Standpunkt zu würdigen, den Versuch zu wagen, uns auf uns selbst zu besinnen, daß wir nicht, der blinden Masse gleich vom Sturm der Lügen und der Phrasen fortgerissen, unsere Vergangenheit verleugnen und ein schrecklich Zeugnis dafür werden, wie gering doch die Widerstände sind, welche die Religion im Menschen ausgebildet, und wie wenig sie daher der Menschheit bedeutet. Immer von neuem und von verschiedenen Gesichtspunkten aus wird man die weltgeschichtlichen Ereignisse beurteilen müssen. Denn wir sehen uns immer wieder vor neue Situationen gestellt, auch unsere Seelenkräfte müssen gleichsam eine neue Umgruppierung erfahren. In den ersten Kriegswochen, da hatte das deutsche Volk seine höchste sittliche Stufe errungen. Wir