Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1914)
- Date
- 1914-12-01
- Page
- Seite 433 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Dio Bedeutung der Gutachtenliteratur für die jüdische Geschichte. 433 dor soinor Mißachtung gegen (len Talmud und dio Kabbala und seiner Verehrung für dio Philosophie öffentlich Ausdruck gegeben und als Vorsteher einem völlig unwissenden Schächter gestattet habe, das Schächtamt auszuüben. Jo mehr ,wir uns der neueren Zeit nähern, um so mehr bogegnen uns auch Responsen, welche Angelegenheiten aus dem modernen Anschauungsweise besprechen; so z. B. wenn R. Jecheskel Landau, der im Jahre 1793 verstorbene Prager Oberrabbiner, dio Frage der Zulässigkeit von Leichonsezierungon bchandelt. In der Zeit, in welche die Anfänge des Kampfes zwischen Orthodoxie und Reform fallen, begegnen uns dio Gutachten der hervorragenden rabbinischen Koryphäen gegen die Einführung der Orgel und anderer Neuerungen beim Gottesdienste; und wenn wir noch weiter gehen, so finden wir Gutachten gegen dio Leichenverbrennung und Abhandlungen über dio Möglichkeit, mancho Erzeugnisse der modernen Technik in den Dienst ritueller Einrichtungen zu stellen. Die Gutachtenliteratur bildet für dcnForscher ein wichtiges Hilfsmittel, um ein Bild von dem Leben unserer Vorfahren ira Mittelalter und darüber hinaus zu konstruieren, sie ist eine Quelle, dio oft da reichlich fließt, wo alle anderen versagen. Und dabei ist sie frei von jeder Tendenz; die Fragesteller schilderten ja die Verhältnisse nur, weil auf Grund dieser Schilderung die religiöse Entscheidung getroffen werden sollte, sie hatten keinen Grund״ etwas anders darzustcllcn, als es sich zutrug; im Gegenteil, dio religiöse Gewissenhaftigkeit mußte sie veranlassen, alles genau nach der Wirklichkeit wiederzugeben. Eigentliche Geschichtswerko haben wir aus dem Mittelalter nur ganz wenige: so das Meor Enajim des Italieners Asarja de Rossi und das Zemach David das David Gans, der in Prag lebte, beide aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Und wir können uns über diesen Mangel auch kaum wundern. Die Geschichtswissenschaft setzt Interesse am Leben voraus. Nur wenn der einzelne Interesse am Leben hat, dann empfindet er auch das Verlangen, das Leben des Volkes kennen zu lernen, den Pulsschl&g des nationalen 30*