Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 11 (November 1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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Moral als Politik. 411 Moral״, d. h. es gilt die Ansicht: die Ethik, die den einzelnen bindet, hat im Völkerleben keine Berechtigung; in der Politik gilt nur der krasse Egoismus. Selbstverständlich teilt die von der Idee des weltbeherrschenden und allenkenden Gottes erfüllte Prophetie diese Anschauung nicht. Das Judentum kann nur eine ״moralische Politik“ gutheißen, nur die Führung der Völker im Rahmen und in den Grenzen der Gesetze von Recht und Billigkeit. Aber nicht genug damit: der Prophet verlangt noch mehr, er will — Moral als Politik. ״Willst du Jerusalem retten, so schaffe den Unterdrückten Freiheit und Recht“, das ist die einzige Abwehrmaßregel, das bedrohte Land zu retten. Aber indem die kurzsichtige Herrscherkäste diese Warnung in den Wind schlug, hat sie die mor alische Grundlage des Staates erschüttert und sich damit nach des Propheten Meinung selbst dem Schwert des räuberischen Babyloniers preisgegeben; dem auch Gewalt vor Recht ging. Noch vor kurzem hätten wir in unserer nüchternen Zeit für diese weltfremde, naive Prophetenweisheit nur ein Achselzucken übrig gehabt. Die uns alle bewegenden Kriegsereignisse, die den Frieden der Kulturwelt so jäh unterbrochen haben, bieten jedoch eine wundervolle Bestätigung, daß diese Prophetenworte ewig wahr bleiben und tatsächlich den Ablauf des historischen Geschehens, den Pragmatismus der Völker- Schicksale bestimmen. Stehen wir nicht einer Übermacht gegenüber, die uns zermalmen müßte? Was ist schuld, daß Rußland und nicht minder England wie Zerrbilder von Kolossen mit tönernem Fuße dastehen? Die leitenden Männer beider Staaten hatten den Begriff der politischen Moral bis zu Ende gedacht und durchgeführt. Mit knirschenden Zähnen und blutendem Herzen sahen wir zu, wie Rußland seine brutalen Prinzipien unter Verletzung allen Menschenrechtes verwirklichte und dabei mehr und mehr zu erstarken schien, wie andererseits England durch Mißachtung aller Völkerrechte und Ausnutzung der Schwäche andrer Staaten zur Weltherrschaft gelangte. Was nimmt heute den ersten Großmächten der Erde ihre Stoßkraft?