Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 11 (November 1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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408 Das ״Kainszeichen“. Entspricht diese Darstellung dem inneren Gedankengang der biblischen Erzählung — und bei unbefangenem Lesen kann ein anderer kaum in Frage kommen — so vermißt man doch darin gerade die Angabe, auf die es am meisten ankommt: daß Gott nämlich das erste Urteil umgewandelt und gemildert habe. Daher findet denn auch die Kritik einen klaffenden Widerspruch zwischen V. 17 und V. 12 (Kain als Stadtgründer und Kain als unstäter Flüchtling), sowie zwischen 16b und den Sätzen 11-—16 a, so daß sie entweder zur Quellenscheidung ihre Zuflucht nimmt oder בארץ נוד als eine Korrektur aus ארץ גע רנד betrachtet. Ganz zu Unrecht — denn der angebliche Kontrast zwischen Anfang und Ende der Erzählung ist beabsichtigt und der ganze Dialog zwischen Gott und Kain V. 11—16 hat den Sinn, die Aufhebung des ursprünglichen Urteils und seine Um- Wandlung in die Strafe der Verbannung verständlich zu machen und zu motivieren. Der Standpunkt der ganzen Erzählung liegt in den Worten: 'וישם ה' לקין אות ובר — und ich trage daher kein Bedenken, darin das neue Gottesurteil über Kain zu erblicken und zu übersetzen: ״Gott bestimmte für Kain eine Gegend als Wohnsitz, damit keiner ihn erschlage, der ihn treffe.44 Damit wird das Urteil über Kain analog dem, was das Gesetz über unbeabsichtigten Todschlag bestimmt wie auch seine Motivierung dem entspricht, womit das Gesetz Deut. 19,6 in den Worten: ולו אין משפט מות den Schutz des unabsichtlichen Mörders begründet hat. — Das Überraschende, das man auf den ersten Blick in dieser Auffassung finden dürfte, entspringt dem Umstand, daß die Bedeutung von אות als Gegend und Ortsbestimmung nicht zu belegen ist, und dieses Wort vielmehr immer in dem Sinne eines geistigen oder religiösen Symbols auffcritt. Wie aber die sinnliche Bedeutung eines Wortes gegenüber der geistigen und sittlich-religiösen Anwendung die ursprüngliche ist, so muß auch אות auf eine sinnliche Grundbedeutung zurückzuführen sein, wenn diese auch nicht mehr aus dem biblischen Sprachschätz nachzuweisen wäre. Das ist aber m. E. wohl der Fall.