Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 11 (November 1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Bedeutung־ der Gutachtenliteratur für die jüdische Geschichte. 397 Die Bedeutung der Gutachtenliteratur für die jüdische Geschichte. Von Dr. Ts ab Unna, Rabbiner in Mannheim. Die Quellen, aus welchen die historische Wissenschaft ihre Angaben schöpft, die Bausteine, welche sie zusammenträgt, um uns eine Anschauung zu geben von den Verhältnissen früherer Zeiten, von dem Leben und Sterben der Nationen und von ihrer Bedeutung für die Gesamtentwieklung der Menschheit, sind von verschiedener Art. Denkmäler, die aus früheren Epochen erhalten sind. Inschriften mit halb verwitterten Schrift- Zeichen, Annalen und Chroniken, in welchen die Zeitgenossen die ihnen wichtig erscheinenden Begebenheiten verzeichneten, für die kulturell fortgeschritteneren Zeiten auch zeitgenössische Geschichtsdarstellungen, sie bilden das Material, aus welchem der Forscher mit prüfendem Biick und mit ordnendem Geist das Gemälde entwirft, das uns eine Vorstellung geben soll von dem früheren Leben eines Volkes. Aber neben diesen unmittel־ baren Quellen gibt es auch solche, die uns auf indirektem Wege von früheren Zuständen Kunde geben und die oft noch reichlieber hießen. Dazu gehören besonders die Erzeugnisse der Volkspoesie, die für den Historiker von unschätzbarem Werte sind. ״Um von einer Nation zu urteilen, sagt Herder, muß man in ihre Zeit, ihr Land, ihren Kreis der Denkart und Empfindung treten; sehen, wie sie lebt, wie sie erzogen wird, was für Gegenstände sie sieht, was für Dinge sie mit Leidenschaft liebt, wie ihre Luft, ihr Himmel, der Bau ihrer Organe, ihr Tanz, ihre Musik sei.״ Um aber alles dies kennen zu lernen, um ein Spiegelbild zu erhalten von ihrem Innenleben, von ihren Sitten und Gebräuchen, dazu bedarf es des Eindringens in die poetische Literatur namentlich der Kindheit des Volkes. Diese Literatur hat vor den eigentlichen Geschichtsquellen auch den Vorzug, daß sie ohne Tendenz, also zuverlässig ist, und daß sie oft auch von Zeiten Kenntnis gibt, in welche die historischen Urkunden nicht hinaufreichen.