Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 11 (November 1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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388 Der gesetzestreue Jude und der Krieg. Und da war ein Dritter. Ein Rabbinatskandidat, tief und ernst veranlagt, der die Schrecken des Krieges wohl zu würdigen wußte und von dem herzzerreißenden Jammer schrieb, der ihn erfüllte, wenn ״brennende Dörfer den Weg durch Feindesland bezeichneten.44 Aber er nahm alles ernst, auch seinen Dienst, avanzierte schon während seines Dienstjahres zum Unter- Offizier, focht in allen Schlachten an den Vogesen bis zur Marne, schlug sich wie der Teufel, blieb von allen Unteroffizieren der Kompagnie als der einzige am Leben, erhielt das Eiserne Kreuz und nun lag er im Schützengraben. Nach übereinstimmenden Berichten soll der Aufenthalt im Schützengraben kein dolce far niente sein. Und Stunden der Ruhe durfte er sich schon gönnen. Aber ihn quälte der Gedanke an בטול תורה, daß er das ״Lernen44 versäumen soll. Und er schreibt nach einer גמרא. Da ein Folioband des Talmuds nicht sehr praktisch ist, schicke ich ihm ein Bändchen der Duodezausgabe des Rif. Und nun liegt er im Schützengraben und ״lernt44 im Rif (d. h. jetzt liegt er im Lazarett, und ״lernt44 dort). Dürfen wir uns wundern, daß ein solcher Mann, der als Kämpfer so durch und durch Jehudi bleibt, aus dem Schützengraben schreibt: ״Ich sage: אבטח ולא אבחר ich baue auf Gott und bange nicht und zünde mir in Seelenruhe meine Pfeife im Granatenfeuer an.44 Das sind Beispiele. Sie beleuchten, wie im einzelnen religiöse Gefühle und Motive auf den jüdischen Krieger wirken. Aber man muß noch tiefer gehen. Es läßt sich aus dem Wesen der jüdischen Gesetzestreue eine allgemeingültige Erklärung dafür geben, daß die an sich unkriegerischen Naturen unter unseren Gesinnungsgenossen in so tapfere Kämpfer sich wandeln, die jetzt mit Leib und Seele dem Vaterlande dienen. Es ist von einem geschätzten Mitarbeiter in diesen Blättern*) bereits ausgeführt worden, welchen Triumph in dem großen Völkerringen das Moment des Gehorsams gefeiert. Daß die Deutschen mehr als andere Völker gehorchen gelernt, das hat die Leitung in den Stand gesetzt, den voraussichtlichen Sieg 1J J. Carlebach, ״Die große Zeit“ Jeschurun Heft 8/9.