Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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3 66 Zur Deszendenztheorie. durchgeführte entwickelungsgeschichtliche Anschauung würde aber die Unveränderlichkeit der Ethik vernichten und der Willkür preisgeben. Es ist dieser Gedankengang vielleicht geeignet, die Frage zu klären, warum die Thora unsere Weltanschauung nicht biologisch fundiert und auch dort, wo sie über Naturgeschehen berichtet, keinen Wert darauf legt, den Ablauf lückenlos zu zeigen. Sie kannte die große Gefahr dieser Begründung, wußte, daß kein Naturgesetz dem Menschen die sittliche Weltordnung plausibel macht. Die jüdische Lehre, die vorwiegend sittlich ist und dadurch, daß sie die Bezogenheit auf Gott überall scharf hervorhebt, des Menschen Tun und Gesinnung im Auge hat, ist wirklich eine Gegnerin der Naturwissenschaft, die die ihr gesetzten Schranken verkennt, der Naturwissenschaft, die aus den Gesetzen der Bewegung und Ernährung zu den sittlichen Geboten gelangen will und sie leugnet, wenn sie sich nicht aus ihren Gesetzen wie eine mathematische Reihe aus einer Funktion herleiten lassen. Noch auf etwas anderes weist der oben zitierte Midrasch hin. Er läßt die Deutung zu, daß die Geschichte Evolutionistisches enthält, d. h. das geschichtliche Geschehen ist keine Häufung von Zufällen, sondern eine Abrollung zu einem bestimmten Ziele hin, und zwar ist das Ziel determiniert, wie etwa in der Geschichte des Individuums bereits im Eistadium die Potenz zum fertigen Tiere vorhanden ist; denn immer entsteht aus einem Art-ei eine Art-individuum eindeutig. Diese Lehre, die von Driesch vertreten wird, scheint mir eine jüdische zu sein, wenn wir daran denken, wie oft das Ziel der Menschheitsgeschichte bei den Propheten ausgesprochen ist. Der Midrasch sagt dasselbe. — Aus dieser evolutionistischen Auffassung kann man nun eine gewisse Gegnerschaft der Thora gegen die Deszendenztheorie herleiten. Denn die Deszendenz, die die Naturwissenschaft vertritt, ist eine Zufallslehre, lehrt für die biologische Geschichte, dasselbe, was eine naive rein kumulative Geschichtsschreibung der Menschheit für sie ausspricht. Eine Zufallslehre, die die Fortentwickelung der