Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292930-2292939--00409-2293645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zur Deszendenztheorie. 363 nach der Kernpunkt jeglicher Differenz liegt zwischen jüdischer Anschauung und naturwissenschaftlicher Darstellung. Das Judentum sieht in dem Schöpfungsakt die Ablösung des Nichts durch das Etwas, nicht etwa der Unordnung durch die Ordnung: das ist nur ein Teil des Schöpfungswerkes. יש מאין ist die Überzeugung dessen, der an der Bibel seine Gedanken über Entstehung des Kosmos orientiert. Erschaffenheit der Materie im Gegensatz zur Ewigkeit ihres Bestehens, Eintreten von Gesetzmäßigkeit, wo bisher noch keine Gesetze waren, hier scheidet sich Bibel von Naturwissenschaft. Eigentlich ist ja die Frage des Entstehens keine der Naturwissenschaft, die die Gesetzmäßigkeit des Gegenwärtigen zu prüfen hat; und es ist ein Dogma, den gegenwärtigen Zustand bis in die Ewigkeit zurück in identischer Weise bestehen zu lassen. מלאבתו אשר ברא אלקים לעשות würde so bedeuten: das Werk, das Gott geschaffen hatte, damit es fortan wirke; vorher wirkte es noch nicht. Aus dieser Erkenntnis folgt dann die nicht genügend betonte Tatsache, daß der — sagen wir — historische Zustand des Universums nicht das Resultat der Kräfte ist, die jetzt bestimmend wirken, sondern einer prinzipiell anders gearteten Kraft, daß er eben der des Schöpfers seinen Ursprung verdankt. Darum gibt es keine befriedigende Hypothese über die Ursachen der Bewegung der Himmelskörper; denn die Zentripetalkraft und die Zentrifugalkraft machen wohl die Aufrechterhaltung der Rotationen verständlich, sind aber nun und nimmer die Ursache der Bewegung. Deshalb muß auch verzichtet werden auf eine Erklärung der Entstehung der Organismen. Auch sie bedeuten in der Geschichte der Erde einen Beginn, der mit dem Vorhergehen־ den für unser Verständnis nicht kausal verknüpft ist. Auch das organische Sein verdankt dem Schöpferwort sein Dasein. Gerade das scheint darauf hinzuweisen, daß es bis zu dem Eintreten dieses Wortes den bereits in Wirkung gesetzten Kräften unmöglich war, ein Leben zu veranlassen. Es könnte m. E. hieraus eine Stütze für eine jüdisch vitalistische Anschauung sich entnehmen lassen, die im Leben eine autonome