Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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358 Zur Deszendenztheorie. gesamte Ontogenese ohne daß wir einsehen können, weshalb dieser eine Akt den großen Prozeß auslöst. Sodann haben wir als beispiellose Erscheinung im Reich der Organismen die Fähigkeit der Restitution und Regulation, vermöge welcher ein Lebewesen in den Stand gesetzt wird, ungewöhnlichen und schädigenden Einflüssen gegenüber mit Äußerungen zu antworten, die die Norm wieder herstellen sollen. Ganzheit nennen wir das Bestreben, in bestimmter Konstitution zu leben. Wenn wir neovitalistisch denken, so sind die verfolgbaren chemischen und physikalischen Vorgänge in den Lebewesen gewollte intendierte Prozesse1), also Äußerungen der lebenden Materie, und von uns eben deshalb so gut gekannt, weil sie in das uns vertraute Gebiet der exakten Naturwissenschaft fallen. Der Gedankengang, der dem Mechanismus zugrunde liegt, hingegen erfaßt das. was wir Leben nennen, als gesteigerte Komplikation chemisch-physikalischer Vorgänge und erblickt in der Lebenserscheinung also nur eine quantitative Überlegenheit im Verhältnis zu anderem Werden. Deshalb erfaßt der Mechanismus die Aufgabe der Biologie als Synthese, während die Neovilastisten analysieren. Wir führten dieses aus, um die einleitende Behauptung zu stützen. Jetzt verstehen wir, wie töricht es ist, so fest auf eine Theorie zu schwören, welche die Genesis sämtlicher Organismen zu erklären sich anheischig macht. Der Neovitalismus zeigt, daß unsere prinzipielle Unkenntnis von den Lebewesen uns zur wissenschaftlichen Kleinarbeit nötigt, um den zur Diskussion stehenden Begriff des Lebens erst zu charakterisieren. Es hieße sich von vornherein viel zu sehr binden, wenn wir die Entwickelungslehre als Grundlage wählen, wie auch unser Wissen um das Lebensproblem unverhältnismäßig überschätzen. Die Lehre des Vitalismus ist sodann, daß unser biologisches Wissen lückenhaft bleibt; deshalb ist jeder grundsätzliche Erklärungsversuch übereilt. Für die Geschichte der Wissenschaft ג) H. Driesch, Die Ordnungslehre. Jena 1912. 2) Die Intendierung darf nicht etwa mit der ״Absicht“, die die menschliche Psychologie kennt, identifiziert werden.