Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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350 Der Krieg ־and die Moral. Gottes Siegel, so lautet ein talmudiseher Ausspruch, ist die Wahrheit. Sein Siegel, das will sagen: die Wurzel aller Tugenden, als deren Vereinigung wir uns das vollkommenste Wesen vorstellen, das Zentrum, von dem alle ausstrahlen, das ist die Wahrhaftigkeit. Es ist leicht zu erkennen, weshalb die Wahrhaftigkeit als die Grundlage aller Tugenden angesehen wird. Sie allein verhindert die Selbsttäuschung, welche die Wurzel aller moralischen Übel ist. In allen Lebenslagen, mag ein unbedeutender Entschluß für den einzelnen oder das wichtigste Interesse eines Volkes in Frage kommen, handelt es sich nur in seltenen Fällen um eine moralisch ohne weiteres klar liegende Entscheidung. Gewöhnlieh ist es ein Konflikt der Pflichten, aus dem der rechte Weg zu finden ist. Und wenn unsere Wünsche, Triebe und Leidenschäften dann zugunsten unseres egoistischen Interesses den Ausschlag geben, so liegt es zumeist daran, daß wir uns selbst belügen, die gegeneinander streitenden Motive so lange drehen und wenden und in das entsprechende Licht rücken, bis wir uns einreden, das uns Nützliche wäre auch das an sich Gute. Die innere Wahrhaftigkeit, die Ehrlichkeit, die in die tiefen Gründe des eigenen Ich hineinleuchtet, sie allein gibt die Gewähr, daß das Sittengesetz im Leben des einzelnen, wie im Leben der Völker zu seinem Hechte kommt. Diese Wahrhaftigkeit muß anerzogen und ununterbrochen geübt werden. Aber die wichtigste Vorbedingung ist, daß wir uns immer und immer den Gegensatz zwischen Ideal und Wirklichkeit vor Augen halten, daß wir der Überzeugung leben und sie für uns und für andere immer vertreten: Es bedarf ununterbrochener Arbeit, soll das Sittengesetz eine beherrschende Macht in uns gewinnen. Unter den Segnungen, die wir von dem Ausgang des Krieges erhoffen, wäre es als eine der wertvollsten zu begrüßen, wenn die Selbstbesinnung, die wir an der Gesamtheit erlebt, auch im Denken und Fühlen des einzelnen sich dauernd behauptet, wenn wir unser ganzes Leben nach dem Grundsatz regeln: das Moralische versteht sicht nicht von selbst.