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Jeschurun · 1914-10-01 · Heft 10 (Oktober 1914) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
1 (1914)
Issue
Heft 10 (Oktober 1914)
Date
1914-10-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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348 Der Krieg und die Moral. Westen schützte uns vor Übermut und der Übergebung, die eine Folge allzuleieht errungener Siege sind. Und doch wäre diese Erhebung nicht möglich, wenn sie nicht an einen ethischen Besitzstand hätte anknüpfen, wenn das Volk nicht in seinem innersten Kerne gesund wäre. Wenn wir es nun unternehmen, dem deutschen Volke eine besondere Tugend zuzuschreiben, so verkennen wir nicht das Bedenkliche eines solchen Unterfangens. Trotz aller Pflege der Völker־ Psychologie gelingt es uns doch recht wenig, in das eigentliche Seelenleben eines Volkes einzudringen. Unsere Maßstäbe sind da die Kunst und Literatur. Uns will scheinen, als ob auch diese, die früher als der rechte Ausdruck des Volkswesens galten, immer mehr einen internationalen Charakter angenommen, in einer gewissen Färbung wohl das Individuelle eines jeden Volkes geben, aber uns nicht in die Tiefe führen, in das innerste und eigentümlichste der Masse. Am reinsten ist die Erkenntnis noch zu gewinnen aus dem Typ, den die Gesamtheit des Volkes selbst geschaffen oder wenigstens anerkannt und allgemein angenommen. Den Typ haben wir für uns in dem deutschen Michel. Es ist sehr merkwürdig, daß das Volk der Denker und Dichter, der großen Organisatoren und unternehmenden Kaufleute in dieser Gestalt verkörpert wird, aber gerade um so bezeichnender. Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit ist also als das her־ vorstechende Merkmal des Deutschtums erkannt worden. Und es ist sehr bedeutsam, daß den anderen V ölkern der deutsche Michel als d er dumme Michel erscheint . Ehrlichkeit in Handel und Wandel, in dem Streben nach Erkenntnis, in den Forderungen an das eigene Ich und in dem Verhältnis zum Staatsganzen. Es sind wahrlich die einzelnen Volksglieder nicht Idealgestalten, die Volksgruppen in ihren Bestrebungen und in den Versuchen, sie durchzusetzem nicht frei von Falsch, die Stände von mancher Unwahrhaffcig־ keit belastet. Aber jeder, der deutsches Wesen kennt und einen tiefen Einblick in deutsche Verhältnisse gewonnen, wird es bestätigen, daß es keine Staatsverwaltung gibt, die so in allen Verzweigungen lauter ist, keine Berufskörperschaften, die so auf ihre Ehrenhaftigkeit stolz sein können, wie die in Deutschland.

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