Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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347 Der Krieg und die Moral. Formel geworden, es ist wieder herrschende Norm im Leben des einzelnen und der Gesamtheit. Unzählige Male haben wir es gelesen, aber nur deshalb, weil es eben nicht die Meinung eines einzelnen ist, sondern einem jeden von uns aus dem Innersten quillt: Heißer Dank gegen Gott, daß er uns das hat erleben lassen. Es sagend die Alten, welche die reinen Ideale ihrer Jugend befleckt sahen und nun eine Wiedergeburt des Guten erleben, wie sie sie nie erträumt. Es sagen’s die Männer und jubeln ob des Reichtums der Früchte, den eine solche Saat verheißt. Und die Jungen, sie könnend nicht sagen, aber sie fühlen dunkel, welch Glück ihnen beschieden, daß diese Eindrücke ihr Leben bestimmt, ihr geistiges Wachstum fördert. Wir sind der Überzeugung, und wir gehen darin sicher nicht fehl, daß keines der an dem Kriege beteiligten Länder sich einer so tiefgehenden Umwandlung zu erfreuen hat. Die nächsten Ursachen dafür sind in der außergewöhnlichen Lage zu suchen, in die sich Deutschland versetzt sieht. Auch die Völker wachsen mit ihren größeren Zwecken. Wie alles in diesem Kriege an einem Maßstabe ohnegleichen zu messen ist, so auch die Zahl der Feinde, denen unser Vaterland gegenübersteht. Wie für den einzelnen angesichts des herannahenden Todes alles, was ihm sonst begehrenswert und groß erschien, zusammenschrumpffc, wie ihm der Sinn aufgeht für das Ewige, für das Echte und allein Wertvolle, so erging es unserem Volke, da es den sicheren Untergang vor Augen sah, wenn es nicht all seine physischen und moralischen Kräfte zusammennahm. Wir müssen siegen oder wir werden sterben, dieser Ruf stählte nicht nur die Muskeln, er durchdrang die Volksseele bis in die letzten Gründe und hob, was immer nur an sittlichen Werten dort schlummerte, ans Licht empor. Die großen Erfolge der ersten Zeit gaben uns die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang, sie ersparten uns, Niederlagen zu beschönigen, zu den Waffen der Schwachen und der Verzweifelten zu greifen, zur Lüge und zur Verleumdung. Und die schwere Zeit des letzten Monats, die wochenlange unentschieden hin und her schwankende Schlacht mit dem tapferen Feind im