Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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346 Der Krieg und die Moral. Behandlung der Gefangenen, die Sorge für die Toten, kurz das Streben, die Leiden des Krieges auf ein möglichst geringes Maß herabzumindern, in solchem Umfange durchgesetzt. Niemals hat aber auch die Geschichte eine solch ungeheuerliche Entwertung des Menschenlebens gesehen, ein so maschinenmäßiges Morden, ein solch rasendes Schlachten. Bekannt ist der agadische Satz, daß ein jeder durch seine gute Handlungsweise den Bestand der Welt verbürgt, indem nämlich dieser nur gewährleistet ist bei einem Überschuß guter Werke und wir stets an die Möglichkeit denken sollen, daß die verdienstliehen und verurteilenswerten Handlungen aller Erdenbewohner sich die Wage halten. Diesem Satz liegt ja ebenfalls die Anschauung zugrunde, daß im allgemeinen in jeder Zeit die sittliche Verwahrlosung gut gemacht wird durch die Gesinnungen und Taten der Edlen. Es zeugte von großer Selbstgerechtigkeit also recht eigentlieh von einem Mangel sittlich reiner Gesinnung, wollten wir dies Edle nur bei den Angehörigen des Zweimächtebundes oder gar nur in Deutschland suchen. Auch bei unseren Gegnern wird es nicht an heroischen Taten, an opferfreudiger Hingabe, an Werken der reinsten Menschenliebe fehlen. Aber sie stehen uns zu fern, wir hören zu wenig von ihnen und wir sind ob der Haltung der gesamten feindlichen Mächte gegen uns zu erbittert, als daß wir sie würdigen könnten. In unserem Lande aber hat sich das Leben eines jeden einzelnen erweitert zum Erleben des Volksganzen, was das Herz des Entfernten bewegt, das wird uns zugetragen, und wir nehmen es mit offenen Sinnen auf. Und alles, was auf uns einströmt, es zeigt uns jeden Tag von neuem den Zug ins Erhabene, einen sittlichen Aufschwung ohnegleichen. Wir reden nicht von dem glühenden Patriotismus, der das ganze Volk von Groß bis Klein beseelt, von der bewundernswerten Einmütigkeit, das eigene Wohl dem Vaterland zum Opfer zu bringen. Auf allen Gebieten geistiger Betätigung hat eine ernste Lebensauffassung die egoistischen Interessen getilgt, alles Seichte und Oberflächliche aus der öffentlichen Erörterung ausgeschieden. Das Sittengesetz, das zur leeren