Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292930-2292939--00391-2293627- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
34S Der Krieg und die Moral. liehe Vorkommnisse in der Gemeinde. Im Leben, da sorgt das Strafgesetz dafür, daß man nicht die Grenzen überschreitet, und die Gesellschaft, daß man durch ein allzufreches Gebaren in der Öffentlichkeit sie nicht herausfordert. So täuscht man sich und andere über den wahren Stand der Sittlichkeit. Und nur so elementare Ereignisse, wie wir sie jetzt erleben, belehren uns eines Besseren. Die Völker setzen sich schließlich aus Einzelwesen zusammen, und nie hätten die Völker die Gesetze der Moral so schamlos mit Füßen getreten, wären die einzelnen von den Forderungen eines sittlichen Lebens völlig durchdrungen. Aber im praktischen Leben da steht gewissermaßen für jeden die Moral auf einem anderen Blatt, der Kaufmann sagt: ״Geschäft ist Geschäft“, und die anderen Stände wandeln sinngemäß diesen Spruch für ihre Bedürfnisse um. Wir wissen wohl: theoretische Belehrung bietet nicht die Gewähr, daß die Forderungen der Sittlichkeit auch im Leben befolgt werden. Aber die tägliche Beschäftigung, die ununterbrochene Mahnung hält das Gewissen wach, stellt uns immer den Gegensatz von Ideal und Wirklichkeit vor Augen, versetzt uns in eine für das sittliche Leben sehr gesunde Unruhe und schützt vor einem Optimismus in der Beurteilung des moralisehen Standes der Zeit, der der größte Feind des sittlichen Fortschrittes der Menschheit ist. Wir haben ausgeführt, daß der furchtbare Krieg unserer Tage als der Offenbarer einer tiefgehenden Fäulnis im Menschengeschlecht erscheint. Wie überall, entspricht auch hier dem vielen Schatten eine Fülle von Licht. Es ist schon von anderen die Bemerkung gemacht worden, daß wir in sittlicher Beziehung ebensowenig von einem außerordentlichen Rückschritt wie von einem entscheidenden Fortschritt der Menschheit reden können. Den hervorstechenden Tugenden früherer Geschlechter entsprächen gemeinere Laster, und edleren Zügen der Menschlichkeit in neuerer Zeit stände ein früher nie erreichter Grad der Verworfenheit gegenüber. Bietet ja auch dieser Krieg für einen solchen Ausgleich einen gewissen Beleg. Kein Zweifel! Nie hat sich die Organisierung der Verwundetenpflege, die