Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1 (1914)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1914)
- Date
- 1914-10-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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344 Der Krieg und die Moral. hetzung durch den Verleumdungsfeldzug der Nachrichtenübermittelung unserer Feinde. Aber wenn man das alles abzieht, dann bleibt noch so viel sittlich Häßliches, daß dem Redlichdenkenden der Ekel aufsteigt über so viel Niedertracht. Da lauern die einen darauf, bis sich die Gegner verbluten, um dann ohne jeden Schwertstreich ihren Anteil am Raub in Sicherheit zu bringen. Da warten die anderen die entscheidende Niederläge der einen Gruppe ab, um dann ohne jede Gefahr sich gemeinsam mit den Siegern auf den Unterliegenden zu stürzen und billige Lorbeeren zu pflücken. Da ist ein Staat, der achtunddreißig Jahre mit uns verbündet war, der aus diesem Bündnis die Kräfte gesogen, sich zu einer Großmacht zu entwickeln, der aus ihm Ellenbogenfreiheit gewonnen gegen übermächtige Nebenbuhler und, während er in eigener kriegerischer Tätigkeit oft unterlegen oder, um einen schwachen Feind niederzuringen, mit dem Aufgebot seiner ganzen Macht auftreten mußte, durch das Verbleiben im Dreibund mühelos seinen Vorteil fand und seine Stimme entscheiden ließ im Rate der Völker. Man erwartete nicht Dank, nicht Treue gegen Treue, das Einsetzen der eigenen Existenz zum Schutze der Verbündeten. Aber welche Schwierigkeiten hatte die Regierung in der eigeneu Bevölkerung zu überwinden, um den Anschluß ihres Landes an den Bund unserer Feinde zu verhindern. Und die Führer dieser gegen uns in jenem Lande gerichteten Bewegung, die Anstifter zu diesem Treubruch, kamen nicht aus dem Pöbel, es waren Gelehrte, Künstler und Studenten! Nicht wahr?! .,Das Moralische versteht sich von selbst!“ Das eben ist die Ursache der moralischen Verwilderung, die an sich unter der Oberfläche wucherte und die der Krieg nur ans Tageslicht gebracht, daß die Moral als etwas Selbstverständliches galt, und es darum als überflüssig betrachtet wurde, sie einzuschärfen und sein Leben daraufhin immer und immer wieder zu prüfen, ob es den Forderungen der Moral entspricht. Die Sittlichkeit, das ist etwas, wovon zuzeiten in der Kirche und in der Synagoge gesprochen werden darf und auch da nicht zu oft und nicht mit Beziehung auf wirk-